Land ohne Eltern

Zurückgelassene Kinder

Ein Foto zeigt ein Glas mit eingeweckten Früchten auf einer großflächig gemusterten Decke, ein anderes zwei geöffnete Päckchen mit Lebensmitteln aus dem Supermarkt. Bewegend ist die Aufnahme eines kleinen, dunkelhaarigen Mädchens in hübscher, aber etwas schmuddeliger rosa Kleidung vor einer oben weiß gehaltenen, unten in sattem Blau gestrichenen Wand. Sie hat die Schuhe abgestreift und ist auf einen Stuhl gestiegen, um den Hörer des Telefons zu erreichen, das auf einer Kühltruhe steht, und hört konzentriert auf die Stimme am anderen Ende der Leitung: Mama hat das Land verlassen, sie ist nach Italien gezogen und arbeitet dort als Altenpflegerin in einem Privathaushalt. Für drei Jahre bleibt das Kind mit den beiden Schwestern in der gemeinsamen Wohnung zurück. Die drei Mädchen, sie sind zwischen acht und zwölf Jahre alt, als die Mutter geht, wirtschaften alleine. Weiterlesen

Beiläufige Einblicke: Der Alltag japanischer Taucherinnen

Nina Poppe: AmaEine schmale, ältere Frau, ein Handtuch um den Kopf geschlungen, in Badelatschen und kariertem Hemd steht vor einem bepackten Fahrrad, man sieht sie oder eine Kollegin später im improvisierten Taucheranzug, die Beine stecken in bunt gemusterten Leggins, sie schaut ernst in die Kamera, eher selbst wie ein Meerestier denn wie eine stolze Geschäftsfrau. Nina Poppe hat das Leben der „Ama“ (Frauen des Meeres) fotografiert, japanischer Taucherinnen, die mit minimaler Ausrüstung und ohne Sauerstoffgerät ihrer Profession nachgehen, die traditionell in Frauenhand ist: Sie tauchen nach Meeresfrüchten wie Seeigel oder Seeohren (Abalone) und lösen sie mit einem Haken vom Meeresgrund. Weiterlesen

Ach, Europa! Positionen europäischer Landschaftsfotografie

„Das Verhältnis zur Landschaft hat wesentlich Anteil an unserer Art und Weise, Europäer zu sein“, schreibt Liz Wells im Nachwort zu „Sense of place. Europäische Landschaftsfotografie“. Das Schaffen von 40 Fotografinnen und Fotografen ist hier nach Himmelsrichtungen und Regionen geordnet: Norden, Central-Mitteleuropa, Süden (Mittelmeer-Atlantik/östliches Mittelmeer), der „Osten“ existiert dabei ebensowenig wie der „Westen“. Einführende Essays von Kuratoren (nicht immer passen sie ganz zu den vorgestellten Bildern der Fotografen) reflektieren, betrachtet man sie als Ganzes, das große und konträre Spektrum der Möglichkeiten, sich mit Landschaft zu beschäftigen. Der Bildband setzt ein mit Bruno Baltzers Aufnahmen eines verlassenen, asphaltierten, nächtlichen Kirmesgeländes, womit der äußerste Punkt einer vom Menschen geschaffenen „Landschaft“ definiert wäre und endet mit einer überfüllten Strandanlage in „Catania“ von Massimo Vitali. Weiterlesen

Lovigins Postkartenrussland

Lovigins verspielte Farbaufnahmen muten wie abgegriffene Postkarten an, die jemand in den frühen Sechziger Jahren erhalten hat, oft zur Hand nahm, dann aber in einem alten Karton liegen ließ, um zwei Jahrzehnte später Muster und Farben der bunt bekleideten Mütterchen hinzuzufügen, (die noch Kopftuch tragen oder schon ihr Haar leuchtend blond färben) und sie heute noch einmal am Computer nachzubearbeiten: Weiterlesen

Tief im Waldesinnern: Yann Mingards Fotoband „Repaires“

Wie nähert man sich als Europäer dem Wald, wenn er nicht als Naherholungsgebiet erkundet und durch ein Wegenetz erschlossen ist, sondern noch geradezu unberührt vor einem zu liegen scheint? Und worin liegt sein Versprechen? Woran rührt dieser Lebensraum, der dem Städter heute eher als bedrohtes Rückzugsgebiet erscheint denn als einmal fruchtbar sich erneuernde Vegetationsform Mitteleuropas?

Scheu und Forschungsgeist sind neben der einsetzenden Dämmerung, die der Fotograf auf seinen Farbaufnahmen einfängt, die beiden Begleiter, die einem beim Betrachten von Yann Mingards Fotobuch  „Repaires“ (Hatje Cantz) zur Seite stehen. Man wird still, als lausche man den Geräuschen der Waldtiere, dem Rascheln der Blätter, wenn man Seite für Seite, Blatt für Blatt tiefer in das Innere des Waldes geführt wird. Weiterlesen

Ein Foto-Querschnitt durchs heutige China: Menschen und ihre Arbeit

Eine steinalte Frau mit schönem Haar sitzt in ihrer Uniform an einem Tisch als wäre es eine Amtsstube, sie ist die letzte Überlebende des Langen Marschs und wohnt in einem Altenheim für Veteranen der Roten Armee. Eine wettergegerbte buddhistische Nonne, im handgewebten, schmutzigen Kleid blickt auf einen Stock gestützt den Betrachter wie aus weiter Ferne an. Einige Seiten weiter sieht man ein junges Mädchen im internationalen Girlie-Outfit, nicht ganz so schrill wie die jungen Japanerinnen, eher westlich, sie versucht gefährlich erfahren auszuschauen. Die Menschen in Chinas Metropolen haben in den letzten Jahrzehnten gewaltige Umbrüche in der Lebensweise erfahren, aber in abgelegenen Tälern findet man auch noch Bauern, die ihre Felder mit Wasserbüffeln und selbstgemachten Dreschflegeln wie ihre Vorfahren bewirtschaften.
Der bemerkenswerte Band „China“ von Mathias Braschler und Monika Fischer zeigt mit großem Ernst die ganze Spannweite der Lebensformen. Die Schweizer Fotografen reisten, begleitet von ihrem Fahrer, Assistenten und Dolmetscher Fu Yuan, sieben Monate quer durch das Land. Sehr lange Fahrzeiten, schwierige Organisation und pro Tag ein Porträt von Zufallsbegegnungen, die Fu Yuan zum Mitmachen bewegte, hatten sich die beiden vorgenommen. Weiterlesen

Das Phantom des Palastes

Bausperrzäune im Inneren der Räume des „Palastes der Republik“, ein beiseite gerückter Stuhl, die Spuren der Abbrucharbeiten: Betrachtet man die Fotodokumentation des Fotografen Christian von Steffelin über den aufgelassenen, zeitweilig umgenutzten, asbestsanierten, entbeinten und schließlich abgerissenen „Palast der Republik“ der gewesenen Hauptstadt der untergegangenen DDR, so ist es zeitweilig als schaute man in den aufgelassenen Fundus eines Theaters. „Erichs Lampenladen“ wie der Palast aufgrund der Unmengen von ballonförmigen Lampen im Inneren genannt wurde, wirkt aus heutiger Perspektive tatsächlich wie eine Mischung aus realsozialistischem Kaufhaus – es gab Rolltreppen und klein gemusterte Teppichböden – und Inszenierung dessen, was man in der DDR der Siebziger Jahre für fortschrittlich hielt. Manches verströmt den Charme älterer Sciencefiction Filme, zwischen Kitsch und Formwillen, mal futuristisch, mal zum Fürchten bieder.
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Der erste Blick auf die Welt: The pencil of Nature in neuer Edition

Etwas „zum ersten Mal“ sehen zu können, darin bestand der größte Reiz für den Betrachter früher Fotografie: seien es entlegene Gebiete, Einblicke in unbekannte Lebensweisen, Kriegsschauplätze oder auch nur ein unverbrauchter Blick auf scheinbar vertraute Gegenstände des Alltags.

Das erste Fotografiebuch „The pencil of Nature“, das auf 24 in der Dunkelkammer eigens angefertigten Tafeln mit fotografischen Abbildungen das unverhofft Neue in der Kunst der Fotografie zeigt, erschien in England zwischen 1844-1846 als Subskriptionsalbum in Einzellieferungen. William Henry Fox Talbot, der Erfinder des Negativ-Positiv Verfahrens und damit des eigentlichen Vorläufers der analogen Fotografie (im Gegensatz zur Daguerreotypie, die Unikate lieferte) kommentiert darin Blatt für Blatt seine Entdeckung.
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Die Welt der Hafenstädte

6Michael Zibolds Fotografien wurden in großen Hafenstädten mit klingenden Namen aufgenommen: Lissabon, Istanbul, Hamburg, Marseille, Shanghai sowie in vierzehn weiteren Städten. Fast klingt es wie eine Rechtfertigung, wenn der Klappentext dann davon spricht, dass diese Auswahl eine mehr „zufällige“ als „beabsichtigte“ Klammer eint: Der Hafen spiele auf den Fotos, die innerhalb eines Zeitraums von zwanzig Jahren entstanden sind, eine eher beiläufige Rolle.

Klassische Hafensujets wie Schiffe, Kaianlagen, Fischernetze und Möwen befinden sich tatsächlich in der Minderzahl. Allerdings haben die Städte – bei aller geographischen und kulturellen Heterogenität – in der ständigen Gegenwart von Meer oder Fluss übergreifende Gemeinsamkeiten: Sie sind als Hafen- und Handelsstädte zuerst materieller Umschlagplatz von Waren und Menschen. Mit Fischereigewerbe, aber auch Prostitution sind sie Schauplatz harter körperlicher Arbeit. Ihre Verbindung zum offenen Meer schuf eine Projektionsfläche für Sehnsüchte nach Aufbruch und Weltläufigkeit, lange bevor die Welt global vernetzt war. Zibold zeigt das Unspektakuläre, aber visuell Reizvolle, das mehr über die Atmosphäre, das Licht, aber auch die Schattenseite einer Stadt auszusagen vermag als die Touristenattraktionen – es ist ein wenig wie mit Hotelzimmern: Sternehotels im historischen Zentrum bedienen Erwartungen, in einfachen Unterkünften in weniger besuchten Stadtteilen erfährt man etwas über die Bewohner.
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