Aus Berlin: Neue Architekturfotografie

Berlin im 20. Jahrhundert, Kulminationspunkt deutscher wie europäischer Geschichte, stand nach der Wende im Fokus divergierender wirtschaftlicher Interessen und fluktuierenden Lebensformen. Aus der Mauerstadt, in der sich auch mit wenig Geld leben ließ, wird die immer teurer und schicker werdende Hauptstadt, die Bewohner müssen sich zwischen alter und neuer Stadtrealität zurecht finden. Den theatralisch gestimmten Auftakt des Fotobandes „Berlin Raum Radar“ setzt Andreas Mühe. Man sieht, als befände man sich mental in ungebrochen patriarchalischen Zeiten, die angestrahlten Rückenfiguren von festlich gekleidetem Herrn und blonder Dame, die vor einem transparenten Balkongeländer die Aussicht auf Fernsehturm und Kuppel genießen: „Heiner und seine Frau“, 2008 lautet die Bildunterschrift. Um was für einen Heiner mag es sich hier handeln, der hier so programmatisch und doch anonym am Anfang des Buches ins Bild gesetzt wird? Heiner Bastian liest man in einer anderen Bildunterschrift bei der Netzrecherche: Hier steht also der wegen seiner Sammlungs- und Leihpolitik umstrittene Kunstsammler mit Celine Bastian auf dem Dach seines Kunst-Hauses am Kupfergrabendamm und schaut auf die Museumsinsel hinüber?

Friederike von Rauch: Philharmonie 2

Solche Feinheiten werden uns im Buch zur gleichnamigen Ausstellung mit seinem ansonsten sehr schönen und überzeugenden Parcours von 34 FotografInnen leider vorenthalten oder als bekannt vorausgesetzt. Weiterlesen

Leipzig vor der Wende: Die Achtziger Jahre mit dem Blick eines Expats

Ein Selbstporträt des sorgfältig mit einem weißen Hemd bekleideten palästinensischen Fotografie-Studenten Dabdoub in einem Studentenwohnheim der DDR, der seiner Aufgaben gefasst in einen kleinen, gerahmten Spiegel entgegenschaut, eröffnet den Fotoband mit Schwarzweißaufnahmen über das Leipzig der Achziger Jahre. Flankiert von einem Grußwort seines damaligen Professors und einem Interview über die für Mahmoud Dabdoub sujektiv bis zur Wende als Jahre des Aufatmens und Getragenwerdens empfundene Zeit setzt der Hauptteil dann ein mit eindringlichen Aufnahmen vom dunstverhangenen Bahnhof. Weiterlesen

So waldig schön!

Waldsaum, saumselig, Hain, Lichtung, Waldschlag, Wegrand, Forst, wogende Halme, Lichtflecke – man müsste sehr viele, halb vergessene Wörter ausgraben, um die nüchtern erwägende und doch hingebungsvolle Stimmung einzufangen, die Amin El Dib in seinem in himmelblauen Leinen gebundenen Buch „Under skies of Blue and grey“ festhält. Mit grauem Vorsatzblatt und haptisch aufgesetzten weißen Lettern auf dem Cover lässt das im Berliner Peperoni Verlag erschienene Buch gleich an den wolkendurchzogenen Himmel vieler Kindheitssommer denken. Weiterlesen

Der Corviale lebt!

Im Vordergrund wird eine Rasenanlage mit einer zottigen Schafherde beweidet, rechts und links beschneidet der Bildrand bei einem der Tiere den Kopf, bei den anderen Rücken und Hinterläufe. Ein einzelnes Schaf trottet in der Mitte, während am Horizont ein langgestreckter Flachbau einen Riegel bildet. Hellblau, mattes Grün, verhaltenes Grau sind die Farben, während ein sonnengelber Längsstreifen den Buchrücken markiert: „Corviale“ heißt in denkbarer Schlichtheit das Fotobuch des Österreichers Otto Hainzl der sich dem Leben innerhalb der archtektonischen Vorgaben des riesigen, am Stadtrand von Rom gelegenen Wohnkomplexes widmet. Weiterlesen

Rosemarie Zens: Wellenberge des Erinnerns

Die Flucht der Mutter vor dem Einmarsch der Russen aus Pommern, unterwegs mit dem sechs Monate alten Baby, das sie selbst einmal war, ist Gegenstand von Rosemarie Zens‘ behutsamer, ebenso bewegender wie ästhetisch und intellektuell hochreflektierter Erinnerungsarbeit. Spät und behutsam, ja fast scheu, gegenüber dem, was sich in einer unzugänglichen Schicht des Gedächtnisses verborgen hält, begibt sie sich mit der Kamera und den Jahrzehnte später niedergeschriebenen Aufzeichnungen der Mutter auf die Wege ihrer frühesten Kindheit ins heutige Polen. Kann man unbewusst bleibenden Erinnerungen eine visuelle Form geben, die sie zur eigenen Geschichte verdichten?

Zunächst sind es zugige Winde, Gerüche, ein blitzschnell auftauchendes Unbehagen beim Justieren der Bild-Koordinaten: „Mit der Kamera hielt ich fest, was meine Aufmerksamkeit erregte. In der Morgen- und Abenddämmerung die Nebelstreifen, die sich erhoben und wieder senkten. Am helllichten Tag die Weite der Wiesen, die Wege ins Unbekannte. Die Anmutung von Freiheit, Stillstand und Verlorenheit. Bei genauerem Hinsehen erkannte ich, was ich zunächst übersehen hatte: wie Gewaltsames aufbricht, wie leicht die Bilder ins Bedrohliche kippen“. Ein Satz der Mutter, mit dem die erste Foto-Sequenz anhebt, beschreibt das Existentielle der Situation: „Wo sollte ich jetzt, mitten in der Landschaft hin?“ Es ist eine frühe, elementare Bedrohung, wie sie in Grimmschen Märchen aufscheint. Und so begegnen wir auch in vielen Bildern einer verwunschenen, farblich zurückgenommenen Feenlandschaft, einem Gespinst aus Schilf, Spinnenweben, nebelverhangenen Wiesen, verfallenden Häusern inmitten von Brennesseln. Weiterlesen

Vom Acker. Feldforschung: Der Fotoband „The Good Earth“

Zwei weißhaarige Menschen arbeiten auf dem Feld, der Mann hat einen Spaten in die feinkrummige Erde gestochen und schaut konzentriert auf die Hand der Frau, die sich bedenklich nah am Spatenblatt befindet. Sie steht dicht neben ihm, bückt sich mühsam vornüber, um mit der Hand ein durchwurzeltes Pflänzchen, ins Erdreich zu setzen. Mit Schirmmütze und jeansblauem Hemd gibt er den Prototyp eines Individualisten, während ihre Aufmachung in bequemen Schuhen und kurzärmeligem Shirt eher an aktive Freizeitgestaltung in Gemeinschaft denken lässt. Die beiden älteren Herrschaften pflegen indes keinen Garten vor dem eigenen Haus oder eine Parzelle im Schrebergarten, sondern bestellen einen weitläufigen Acker. Anfang und Ende des Feldes kann man auf diesem Foto nicht ausmachen, man kann nur ahnen, wieviel Arbeit noch vor ihnen liegen mag.

Etwas weiter im Buch (Andreas Weinand: The Good Earth, Peperoni Books) sieht man Mann und Frau im Winter: Dieses Mal thront er auf der Sitzschale eines offenen Gefährts, einer Art selbstständig gewordenem Anhänger mit Außenmotor. Dieser scheint Schwierigkeiten zu machen, er stochert am Anlasser, sie versucht das seltsame Vehikel von hinten im Schnee anzuschieben und wirft sich mit bloßen Händen gegen die Seitenbretter. Weiterlesen

Pleite: die Jahre davor, die Jahre danach

Heinz Stephan Tesarek - Interim 55. Miss Fashion TV II Vienna, Austria, 2008

Ein Kind fährt mit den Händen über einen TV-Bildschirm als bekäme es so etwas zu fassen, man sieht es nur als Silhouette: Die eine Hand patscht auf ein Buchstabenfeld auf einem eingeblendeten Rechteck, die andere tippt auf den Buchstaben R. Im billig ausgestatteten Fernsehstudio ist eine junge, etwas angespannt blickende farbige Frau zu sehen, sie hält die Hand ans Ohr. Von „zwei Geldpaketen“ der „Teilnahme ab 18 Jahren“ und Mobilfunk ist in der eingeblendeten Schrift die Rede.

Die Szene, 2006 auf einem Kinderkanal ausgestrahlt, leitet Heinz-Stephan Tesareks Fotobuch „Zwischenzeit. Bilder entscheidender Jahre“ ein. Weiterlesen

Bildmotive eines Nachtvogels: Paris in den Dreißiger Jahren

Regennasse Kopsteinpflaster, auf denen Lichtreflexe tanzen, Straßenlaternen mit gestreutem Licht, unter denen Mädchen warten, gusseisernes Stadtmobiliar von der Parkeinfassung bis zur Balkonbrüstung, überfüllte Bistros mit Spiegeln und ausgelassenen Pärchen an engen Tischchen, hingebungsvolle Liebespaare in Hut und Mantel, heute zum Teil ausgestorbene „kleine Berufe“ auf der Straße, die Akteure mit Schiebermütze und in Schnürstiefeln oder sogar in einer Art Uniform gesteckt: All das hat jahrzehntelang im zwanzigsten Jahrhundert das Bild von Paris geprägt. Scheinen in diesen Vorstellungen Bilder vom nächtlichen Paris auf, sind sie maßgeblich von den verhalten daherkommenden Aufnahmen Brassaïs bestimmt, der Anfang der dreißiger Jahre das nächtliche Paris „als Nachtvogel“ mit einer schweren Mittelformatkamera durchstreift hat. Mit dem Fotobuch „Paris de nuit“ (1932), das 64 sorgfältig ausgewählte Fotos zeigte und von einem Text des Schriftstellers Paul Morand begleitet war, wurde Brassaï „über Nacht“ berühmt. Einen profunden Einblick in dieses und andere Werke, auch Arbeiten aus dem Nachlass, die sich seinem großen Thema, dem nächtlichen Paris und einer sorgsam in Szene gesetzten Unterwelt widmen, gibt der zuerst bei Gallimard, jetzt bei Schirmer/Mosel aufgelegte und schön ausgestattete Band. Weiterlesen

Pleite: die Jahre davor, die Jahre danach

Ein Kind fährt mit den Händen über einen TV-Bildschirm als bekäme es so etwas zu fassen, man sieht es nur als Silhouette: Die eine Hand patscht auf ein Buchstabenfeld auf einem eingeblendeten Rechteck, die andere tippt auf den Buchstaben R. Im billig ausgestatteten Fernsehstudio ist eine junge, etwas angespannt blickende farbige Frau zu sehen, sie hält die Hand ans Ohr. Von „zwei Geldpaketen“ der „Teilnahme ab 18 Jahren“ und Mobilfunk ist in der eingeblendeten Schrift die Rede.

Die Szene, 2006 auf einem Kinderkanal ausgestrahlt, leitet Heinz-Stephan Tesareks Fotobuch „Zwischenzeit. Bilder entscheidender Jahre“ ein. Es zeigt die Zeit vor und nach der Finanzkrise, ihre mentalen Voraussetzungen in der Welt der alten und neuen Medien, der Shows und Benefiz-Bankette und ihr fahler Widerschein in der Gewalt auf der Straße, in Prostitution, Armutsmigration, Obdachlosigkeit. Die Hälfte der Bilder sind in Wien entstanden, andere in den USA, viele in Osteuropa, das Wien nicht nur geografisch, sondern auch historisch besonders nahe ist. Tesarek ist seit vielen Jahren weltweit als Pressefotograf unterwegs und bekam 2013 mit einer Fotoreportage über eine griechische Mutter, die ihr Kind aus Armut und Fürsorge in ein SOS Kinderdorf abgegeben hat, den österreichischen Pressefotografiepreis „Objektiv“ zuerkannt.

Das Buch ist eine politisch dezidiertes Resümée seines Erfahrungshorizonts als Pressefotograf, der beruflich einmal Zutritt zu Gala-Dinners hat, ein andermal in Krisenregionen oder auf den Straßen Wiens bei Demonstrationen oder bedrohlichen Straßenszenen zugegen ist. Tesarek nützt das Medium Fotobuch dabei im besten Sinne, um in Rhythmus und Bildfolge zu zeigen, wie disparate Bildwelten, Medien und Realität ineinander greifen und so die unsichtbare Maschinerie der Globalisierung speisen. So sparsam die Angaben zu den Aufnahmen gehalten sind, so eindringlich wirkt die Bildabfolge. Hin und wieder unterbrechen Aufnahmen von flackernden Bildschirmbildern den Fluss der Schwarz-Weißfotos, die Lehman Brothers-Pleite zum Beispiel erscheint als Nachricht im Fernsehen nicht viel anders als eine Videoaufnahme von einem Banküberfall. Hände und Gesten sind zentral, als Pathosgesten, beim fulminanten Auftritt von Paris Hilton, als empor gereckte Hände oder geballte Fäuste, aber auch als intimster Part bei den glitzernden Partys der Millionäre, wie müde alte Tiere, abgehalfterte Zauberer oder Zangen erscheinen sie im Bildausschnitt oder als Zentrum der Bildaktion.

Eine Frage, die unterschwellig immer wieder aufscheint, ist wo und in welchem Kontext Bilder Menschen erreichen können. Da sind Obdachlose, die sich im Schatten des künstlichen Lichtes von Reklametafeln aufhalten oder Konsumenten von Sex-Werbung im Fernsehen – die angebotene Frau könnte genauso gut ein vermenschlichtes Comicfigürchen sein, das unter anderem Nippes im Wohnzimmerregal steht. „Europa ein leerer Traum“ lautet ein aus dem Arabischen übersetztes Graffiti aus einer bewegenden Bildfolge zur Situation von Flüchtlingen in Patras 2009. Ganz ohne Pathos, gerade auch bei schwierigen, „besetzten“ Themen gelingt es Tesarek elementare Situationen in ihrer ganzen Archaik zu zeigen: entlassene Bergleute, die konzentriert in wilden „Armenschächten“ Kohle hauen, Frauen, die um ihre Angehörigen, die bei einem Anschlag ums Leben gekommen sind trauern, Kerzen entzünden und Abschied nehmen. Das sind Fotografien, die der Welt der Wohltätigkeitsbankette und Renditesteigerung mit sicherem Blick entgegentreten.

Heinz-Stephan Tesarek: Zwischenzeit. Bilder entscheidender Jahre. 144 S. Limitiere Auflage, nummerierte Exemplare, 48 €

zuerst erschienen in: PHOTONEWS Zeitung für Fotografie Nr.10/13