Essays, Kritiken und Fotobuchrezensionen von Andrea Gnam. Erstveröffentlichung in NZZ, SZ, Mare, Photonews, Eikon oder Deutschlandfunk. Blog seit 2012.
Am 28. Juli 2025 ist mein neues Buch im Iudicium-Verlag erschienen:
Bilder und Wörter bestimmen unser Denken und die Entwicklung unserer Kultur. Wir reagieren auf Bilder anders als auf Worte, aber wir benötigen beides, um unsere Umwelt zu verstehen, zu gestalten und zu verändern. Ein Streifzug durch die Kulturgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart zeigt, wie einflussreich und wirkungsmächtig für Kunst, Religion, Politik und das öffentliche Agieren und Überzeugen gerade die Verbindung von Bildern und Wörtern gewesen ist und welch großer Stellenwert ihnen bis heute zukommt. Was haben die Einführung der Zentralperspektive und die Rechtfertigung des Abwurfs der Atombombe über Hiroshima und Nagasaki gemeinsam? Wem gehört der öffentliche Raum, den sich Werbung, Graffiti und Kunst teilen? Was steckt hinter wiederkehrender Bilderstürmerei?
INHALT
Einleitung
1. Wirkungsmächtige Bilder, prägende Sprache: Ein Zusammenspiel
2. Bilder und Gemälde als historische Dokumente?
3. Mittelalterliche Bildwelten und Umbruch in der Renaissance, mediale Verführungen
4. Bildpolitik als Machtpolitik
5. Die Imagination schüren
6. Wandel in den Formen des Denkens: Raumbildende Zentralperspektive und späte Widerlegungen
7. Atompilz und Atomblitz: Wortbildkombinationen im Wandel
8. Werbung und Kunst – von der Affichomanie bis zum Surrealismus
9. Ins Bild gesetzt: Politische Inschriften auf öffentlichen Gebäuden und Straßen im 20. und 21. Jahrhundert
10. Graffiti im Spannungsfeld von Politik, Kunst und Justiz
Literaturverzeichnis
Bildnachweise
Eine schöne Buchbesprechung und zugleich ein Porträt über mich in der BNN von Georg Patzer.
Sehr ausführlich und kundig auch im Kultur-Port Ruth Asseyer.
Wissenschaft und Essayistik
.. schließen sich nicht immer aus. Ich freue sehr mich über eine weitere, sehr grundlegende Besprechung meines Buches „Bilder und Wörter“, die meine besondere Vorgehensweise beim Schreiben und Argumentieren kommentiert:
„Vom Reiz der Peripherie. Architektur und Fotografie“ 131 S., 11 Abbildungen mit Fotografien von Joachim Schumacher, Gerhard Vormwald, Inge Rambow, Jean Claude Mouton, Christian v. Steffelin, Philipp Meuser, Loredana Nemes, Ralf Schmerberg, Elger Esser, Julia Kissina, Karsten Hein, 24.80 €
ISBN 978-3-8030-3420-5, Berlin 2022
bestellbar und erhältlich im Buchhandel
Peripherie zeigt unterschiedliche Gesichter: Oft ist sie nur Resultat achtloser Planung. Manchmal indes begegnen wir innerstädtisch wachsender Peripherie in einem Zustand der Schwebe, in welchem Altes in Neues übergehen kann – ein Zwischenreich noch unausgeschöpfter Möglichkeiten fern des Zwanges zur ästhetischen Optimierung. Fotografie weiß Dinge zu zeigen, die wir ohne sie nicht sehen würden. Ganz besonders berührt uns das in fotografischen Arbeiten, die sich dem eigentlich Vertrauten widmen, der Peripherie, den Plattenbauten, Städten im Ruhrgebiet, dem strukturschwachen ländlichen Raum, dem Alltag in Deutschland, wie ihn Dokumentarfotografinnen sahen, die noch als Kind den Weltkrieg erlebt hatten.
All dies, mit einem Exkurs zu Blinden in der Fotografie, zeigt Kapitel für Kapitel welche Bedeutung architektonisch gestalteten oder vernachlässigten Räumen in unserem Leben zukommt, wie sie unsere Erinnerung bestimmen und welche wichtige Rolle hier die Fotografie einnimmt.
Eine schöne und informative Rezension von Michael Kröger zu meinem Buch „Vom Reiz der Peripherie“ befindet sich im Kunstbuchanzeiger.
Eine wunderbare Rezension von Ruth Asseyer befindet sich auf Kulturport.de.
Christian Holl empfiehlt in „Marlowes“ (Online-Magazin für Architektur und Stadt) in seiner Besprechung Stadt lesen, Stadt sehen unter anderen mein Buch.
In einer Sendung Büchermarkt des Deutschlandfunks werden in einem Gespräch zwischen Wiebke Porombka und Stefan Koldehoff Veröffentlichungen von Peter Bialobrzeski und mir vorgestellt.
Auf der Website mit Rezensionen des Instituts für Theater, Film und Medienwissenschaft der Universität Wien stellt David Krems kenntnisreich das Buch vor („Wer sich mit Fotografiegeschichte beschäftigt, kommt daran nicht vorbei“).
In einen sehr aufschlussreichen und interessanten Zusammenhang stellt Niklas Maak mein Buch in seinem am 19.11.2023 in der FAZ erschienenen Beitrag „Neue Heimat“: F-A-S-19.11.202334-Neue-Heimat-Niklas-Maak.pdf
Lichtdurchflutet empfängt das Entrée der wiedereröffneten Orangerie der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe die Besucher, die gläserne Kuppel der Rotunde, die stark sanierungsbedürftig war, ist fast wiederhergestellt. Orangerien, mit denen man sich im bürgerlichen Zeitalter ein Stück südlicher Vegetation ins Haus holte und einen Gesellschaftsraum schuf, sind heute Vergangenheit. In der stark von Hitzewellen betroffenen Stadt ist das Gebäude nicht nur ein Architektur-Denkmal, sondern auch, ökologisch betrachtet, ein Sinnbild. Der weitläufige Raum, der jetzt nicht mehr wie vor der Renovierung die Dauerausstellung der Moderne beherbergt, sondern für Sonderausstellungen vorgesehen ist, wurde mit Verschattungs- und Verdunklungsmöglichkeiten ertüchtigt. Nicht nur Fotografien, Zeichnungen und Aquarelle leiden unter zu vielen Sonnentagen, auch Druckgrafik darf nicht über längere Zeit unkontrolliert dem Licht ausgesetzt sein. Noch steht ein kleines Gerüst vor dem Gebäude, noch dringt ab und an von außen kommender Baulärm in die Räume, die Ausstellung „Archistories“, kundig kuratiert von Kirsten Voigt, widmet sich indes mit Werken von fast 70 Künstlerinnen und Künstlern den Möglichkeiten der Architekturerfahrung.
Raumvorgaben
Nicht nur während der dröhnenden, staubigen und anstrengenden Bauarbeiten selbst nehmen wir Architektur über unseren Körper wahr, auch als Stadtbewohner oder in einem Haus bewegen wir uns in einem Raum, den wir zwar bespielen können, der aber doch starke Vorgaben setzt. Gleich zu Beginn der Ausstellung werden wir mit diesen Vorgaben konfrontiert: Linkerhand geschieht dies über das klassische Medium von Architekturzeichnungen – die Kunsthalle besitzt Federzeichnungen mit Piranesis Raumphantasien und Ornamenstudien und nach einer Neuzuschreibung werden zwei Konvolute mit Vorlagen aus seiner Werkstatt erstmals der Öffentlichkeit gezeigt. Sie waren im Besitz von Friedrich Weinbrenner, dem Baumeister, dem Karlsruhe seine klassizistische Anlage und einige verbliebene Gebäude verdankt. Auf direktem Weg aber gehen wir auf eine großangelegte Video-Installation von Julia Oschatz zu.
Auf der einen Hälfte einer Wand sehen wir ein Raumraster, mit dickem weißem Strich auf schwarzem Grund aufgetragen, der Blick fällt in einen leeren, geometrisch konstruierten Innenraum, auf der anderen Hälfte läuft ein Video im Loop. Es zeigt fast den gleichen Raum, hier aber ist das Bodenraster des Innenraums zum sanft vibrierenden Boden einer Bühne geworden, in der die maskierte Künstlerin selbst, in slapstickhafter Sisyphus-Arbeit die Wände bemalt, und dabei unentwegt von einem Raumgehäuse ins nächste steigt. An der Wand gegenüber lehnen drei mit schwarzem Eisenpulver bestäubte Magnetplatten von Nicolas Daubanes, sie enthalten ein reliefartiges grafisches Geflecht, man sieht sich in einen gotisch anmutenden Kerker im Stil Piranesis versetzt, in dem ein Brand schwelt.
Wie vielfältig die Zugänge zur Architektur sind, und je nach Medium, Baukultur, gesellschaftlichen Machtverhältnissen und verbautem Material sich unterscheiden, lässt uns die Ausstellung in einem abwechslungsreichen Parcours erleben. So kommen wir nach den Raumgehäusen in transitorische Welten: Wir begegnen Brücken von Albert Marquet bis Lyonel Feininger, sanft in die Stadtlandschaft eingelassen oder als kühne Eisenkonstruktionen.
Sie dienen aber auch wie auf einem Bild von Wilhelm Trübner als verbindendes Element einer bilderbogenhaften Stadtszenerie von London. Im Vordergrund sehen wir winterlich gekleidete Passantinnen, im Hintergrund rauchende Schlote, die gusseiserne Brücke wurde später abgerissen. Überdauert hat der Eiffelturm, ein im Gegenlicht gefilmtes Video „Piranèse“ von Laurent Goldring zeigt emsige Menschen, die wie Schatten die eisernen Treppen des Turms scheinbar endlos hinauf und hinunter hasten.
Hauskörper
Wie wird Architektur zum Bild? Ein in erdigen Tönen gehaltenes Bild von Sean Scully wurde durch die Pyramiden von Chichen Itza angeregt, während Fritz Klemms gespachteltes Relief auf seine Atelierwände aus Sichtbeton zurückgreift.
Und was macht ein Haus aus? Der Bildhauer Werner Pokorny platziert ein Häuschen mit Satteldach auf drei übereinander getürmte wuchtige Gefäßformen. Es wirkt in seiner Unscheinbarkeit ebenso verwundbar wie eigenwillig. Schön dazu sind zwei Zeichnungen aus seiner Hand, die beide ein rasch hingeworfenes, von einem Ring umschlossenes Haus zeigen. Isa Melsheimer aquarelliert brutalistische Bauwerke vor bestirntem Firmament, sie wirken so betrachtet, durchaus liebenswert. Ein kleiner, zauberhaft gezeichneter Film von Jochen Kuhn reflektiert Körper, Architektur und Bild: Ein Mann lässt sich in einer Arztpraxis mit einem neuen, bildgebenden Verfahren untersuchen. Der Blick in sein Innerstes zeigt ein Haus, Frauen, ein Tier. So unbehaglich ihn derlei Fundstücke anmuten, es sind doch nur Bilder, und draußen ist alles beim Alten geblieben – wir sehen einen von Bürgerhäusern umgebenen Platz, als er die Praxis verlässt.
Wer vom Haus spricht, denkt auch an zerstörte Häuser. Bilder mit Ruinen von Tempeln oder Palästen bezeugen den Verfall einstiger Größe und wurden im 17. und 18. Jahrhundert gerne als stimmungsvolles Bildsujet gewählt, wir sehen u.a. Werke von Claude Lorrain und Jean-Jacques de Boissieu.
Anders sieht es aus, wenn Ruinen nicht das Werk der Zeit, sondern das Resultat kriegerischer Zerstörung sind. Dies zeigt 1945 erschütternd ein großformatiges Ölbild einer von oben betrachteten, zerbombten Stadt von Erwin Spuler. Oder das Werk der Abrissbirnen: Laurent Goldring dokumentiert in rhythmischen Sequenzen die Niederwalzung eines Sinti-und Roma Hüttendorfs in der Nähe von Paris. Noch die erbärmlichste Hütte dient als bergende Behausung oder als eine – wenn auch poröse – Haut für die Menschen, die in ihr lebten. Architektur bildet die Grundlage für das menschliche Zusammenleben, die Ausstellung belegt dies eindrucksvoll.
Ausstellungsdauer bis 12.04.2026 Katalog 48 €
Das Copyright für die Bilder liegt bei der Kunsthalle Karlsruhe.
Bibliotheken und Museen, aber auch Ausstellungen und Konzerten können für die Bürger eines bedrängten Landes von immenser Bedeutung sein. Um die Kraft des historischen Erbes, gerade in schwierigen Zeiten wissen vor allem Militärs – die trotz weltweiter Ächtung durch das um 1900 getroffene Haager Abkommen im Krieg gezielt Bibliotheken angreifen, um das kulturelle Gedächtnis und die Identität des Gegners nachhaltig zu vernichten – und die Bewohner von bombardierten Städten in Kriegs- und Nachkriegszeiten.
Sind es Grüße aus einer anderen Welt, die uns mit Michael Jochums Buch: „Gemischter Satz“ erreichen? Die Bilder sind in Schwarz-Weiß gehalten, eine Art Traumwelt, mit surrealen, oft auch unscharfen Reminiszenzen, wie sie uns in der Erinnerung entgegentreten, wenn wir Reales und von einem frühen Film Gesehenes oder Gelesenes nebeneinander stellen. Oder ist es eher ein Riss, der sich durch unser Bildgedächtnis zieht, ein manchmal unheimlich anmutender, dann wieder unbeschwert daher kommender Flash Back?
In der legendären Becherklasse für Fotografie unterrichtet worden zu sein, ist der Karriere nur bedingt förderlich: Gerade Frauen werden bis heute gerne als deren „Schülerin“ wahrgenommen, sodass man sich wenig darum bemüht, ihre Bildideen, ihre Themen und ihre Ästhetik als eigenständige künstlerische Position zu würdigen. So auch im Fall von Tata Ronkholz, die obendrein aus finanziellen Gründen nur wenige Jahre ihre künstlerische Arbeit intensiv verfolgen konnte. Kennerinnen verbinden ihr Werk vor allem mit den „Trinkhallen“, den kleinen Büdchen im Kölner Raum und im Ruhrgebiet, die eine Mischung aus Kiosk und erweitertem Wohnzimmerausschank sind, Ronkholz’ Archiv umfasst dazu Hunderte von Schwarzweiß-Aufnahmen. Sie zeigen inmitten zeitspezifischer architektonischer Tristesse einen banalen, aber grell ins Auge fallenden Ort, an dem in der Fülle der auf kleinstem Raum zur Schau gestellten Illustrieren, dem Potpourri von Tabakwerbung und buntem Süßkram, im Zusammenspiel von Typografie und Bild ein Hauch von Werthaltigkeit zu spüren ist. Und dies, obwohl keine Menschen zu sehen sind. Letzteres kann man auf die Bechers zurückführen oder auf den ganz spezifischen beruflichen Hintergrund, den die Ausstellung in der SK Stiftung Kultur thematisiert und dem Julia Reich in einem Essay des Katalogs nachgeht: Ronkholz war Innenarchitektin und eine avantgardistisch- konstruktivistisch arbeitende Möbeldesignerin, die auch Produktfotografie betrieb – in menschenleeren Räumen. „Das Büdchen um die Ecke“, so Ronkholz, wolle sie in ihrer „ganzen Liebenswürdigkeit“ zeigen, man könnte sagen als eine Art von Erholung für ein an strenger Formensprache und visueller Beherrschtheit geschultes Auge. Ihren Sinn für elementare architektonische Formen und Details hatte sie zuvor schon in Aufnahmen aus der Toskana fotografisch unter Beweis gestellt, hier werden Ausschnitte von der Verwitterung ausgesetzten sakralen Bauten gezeigt, ihre steinernen Rundbögen, Friese und schwarzweißen Marmorbänder kontrastieren mit dem Straßenpflaster. Die Bildsprache ist klar und wohlüberlegt.
Meine Damen und Herren, Thomas Kellner, dessen Werk hier in verschiedenen Phasen und Bereichen seines Schaffens ausgestellt ist, bezeichnet sich ganz bewusst als Fotokünstler. Ein Künstler, unabhängig davon, mit welchem Material er hantiert, eröffnet seinen Betrachtern eine neue und einzigartige Sicht auf die Welt, und damit auch auf sich selbst. Wir verändern uns mit jedem Bild, das wir mit allen Sinnen in uns aufnehmen, auf das wir uns einlassen, vor dem wir hin und her gehen, das uns mit seinem Flügelschlag geistig berührt, auch ein kleines Stück weit selbst. Gewiss nicht viel, eher unmerklich und in kleinen Schritten, es sei denn, ein Bild lässt uns sehr lange nicht mehr los. Oder wie es die amerikanische Bildhauerin Anne Truitt angesichts eines Farbfeld-Bildes von Barnett Newman formuliert, man kann sich beim Anblick eines solchen Bildes dann endlich einmal dem Gefühl überlassen, nicht mehr als genau das zu brauchen, was das Bild einem als Selbst- und zugleich Weltverständnis schenkt: „‘Genug’, war mein strahlendes Gefühl, einmal in meinem Leben genug Raum, genügend Farbe. Es schien mir, als sei ich noch nie zuvor frei gewesen. Selbst das Laufen auf freiem Feld hatte mir nicht jenes Gefühl schwereloser Glückseligkeit vermittelt“, so Anne Truitt. Ähnlich mag es einem beim Betrachten von Thomas Kellners Bild des Grand Canyon in Raum 7 ergehen. Aufnahmetechnik und Bildkomposition erzeugen auf mehr als 4 m Länge eine Tiefenwirkung, die, so Thomas Kellner, fast schwindelerregender erscheint, als wenn man selbst dort stünde und vom Plateau-Rand aus, das Naturschauspiel auf sich wirken lässt. Das ist kein Wunder, denn es handelt sich um 2160 Detailaufnahmen, die wir hier auf einem Bild zu sehen bekommen.
Das Raue und das Zarte – so könnte die Überschrift zu Gabriele Engelhardts fotografischen Arbeiten auch heißen, die sie in ihrem Buch „raw_material“ als Werkserien vorstellt. Die Bildhauerin und Fotografin, die auch bei etlichen Projekten von Christoph Schlingensief mitwirkte, hat zur Weiterverwertung vorgesehene Aufschüttungen aus Schlacke und Flussspat am Hafen von Kehl, geschreddertes Metall am Kremser Hafen sowie Plastikfolienberge, die in der Südpfalz, in Edenkoben in der Landwirtschaft entstanden sind, ins Bild gesetzt. Wie kompakt oder filigran sind diese künstlichen, nach Maßgaben der Logistik geformten Halden, was ist noch brauchbar, was wurde als toxisch ausgesondert? Wir sehen vor neutralem Himmel, den in der Regel asphaltierten Boden noch im Blick, meist mittig gesetzte Massive, die im Freien Wind und Wetter ausgesetzt sind: Wir erkennen verschiedene Grauabstufungen, Anthrazittöne, erdfarbenen Rost, Transparentes und grell Plastikbuntes. Diese Berge, fast Landschaften, sind keine Grundlage für menschliches Leben, sondern ihr Gegenteil: Sie zeigen die andere Seite der Industrialisierung, die durch sie entstandenen Abfallberge. Der geschulte Blick der Bildhauerin für Material und Form verbindet sich mit der geschickten Arbeit der Fotografin. Wir erkennen mit ihr die eigenwillige Schönheit in zottelig anmutenden Haufen: Das sind Holzhäcksel. Oder wir glauben uns in virtuellen Game-Umgebungen versetzt: ein Haufen aus Stahlschrott.
Kirchenneubauten der Nachkriegszeit und der sich anschließenden Jahrzehnte, in denen die Gemeinden wenig Schwund oder sogar Zuwachs erfuhren, liefern ein jedermann zugängliches Kompendium für die Formensprache moderner Architektur. Es gilt in dieser Zeit einige, aber nicht zu viele Anforderungen beim Bau einer Kirche zu befolgen, was ihre Funktion angeht, die Abhaltung von Gottesdiensten, sowie einige liturgische Vorgaben. Zeitweise eröffnete sich recht viel Spielraum, man war von kirchlicher Seite durchaus daran interessiert, im Sakralbau mit der Zeit zu gehen.
Heilig-Kreuz-Kirche – Vienna, Austria. Hannes Lintl, 1971-1975
Spätestens, wenn man den Band „Sacred Modernity“ von Jamie McGregor Smith in die Hand nimmt – er fotografierte vorwiegend in Deutschland, Italien, Polen, der Schweiz und in Österreich (mit Fokus auf Wien, wo der Smith seit 2018 lebt) – wird man sich des architektonischen Reichtums moderner Kirchengebäude bewusst.
Könnte der lange schon angekündigte, jüngst erschienene 5. Band der „Theorie der Fotografie“ der letzte sein? Der Herausgeber Peter Geimer stellt diese Frage und sie mag verwundern, denn weder sind bisher der prognostizierte Tod der Fotografie, des Tafelbildes oder des Buches eingetroffen, warum sollte ausgerechnet die Fotografietheorie zu einem Ende gekommen sein? Wie lebendig und vielfältig die Fotografietheorie bis heute ist, zeigt Geimers Zusammenstellung und seine klugen Kommentare aufs Schönste.