Der Corviale lebt!

Im Vordergrund wird eine Rasenanlage mit einer zottigen Schafherde beweidet, rechts und links beschneidet der Bildrand bei einem der Tiere den Kopf, bei den anderen Rücken und Hinterläufe. Ein einzelnes Schaf trottet in der Mitte, während am Horizont ein langgestreckter Flachbau einen Riegel bildet. Hellblau, mattes Grün, verhaltenes Grau sind die Farben, während ein sonnengelber Längsstreifen den Buchrücken markiert: „Corviale“ heißt in denkbarer Schlichtheit das Fotobuch des Österreichers Otto Hainzl der sich dem Leben innerhalb der archtektonischen Vorgaben des riesigen, am Stadtrand von Rom gelegenen Wohnkomplexes widmet. Weiterlesen

Rosemarie Zens: Wellenberge des Erinnerns

Die Flucht der Mutter vor dem Einmarsch der Russen aus Pommern, unterwegs mit dem sechs Monate alten Baby, das sie selbst einmal war, ist Gegenstand von Rosemarie Zens‘ behutsamer, ebenso bewegender wie ästhetisch und intellektuell hochreflektierter Erinnerungsarbeit. Spät und behutsam, ja fast scheu, gegenüber dem, was sich in einer unzugänglichen Schicht des Gedächtnisses verborgen hält, begibt sie sich mit der Kamera und den Jahrzehnte später niedergeschriebenen Aufzeichnungen der Mutter auf die Wege ihrer frühesten Kindheit ins heutige Polen. Kann man unbewusst bleibenden Erinnerungen eine visuelle Form geben, die sie zur eigenen Geschichte verdichten?

Zunächst sind es zugige Winde, Gerüche, ein blitzschnell auftauchendes Unbehagen beim Justieren der Bild-Koordinaten: „Mit der Kamera hielt ich fest, was meine Aufmerksamkeit erregte. In der Morgen- und Abenddämmerung die Nebelstreifen, die sich erhoben und wieder senkten. Am helllichten Tag die Weite der Wiesen, die Wege ins Unbekannte. Die Anmutung von Freiheit, Stillstand und Verlorenheit. Bei genauerem Hinsehen erkannte ich, was ich zunächst übersehen hatte: wie Gewaltsames aufbricht, wie leicht die Bilder ins Bedrohliche kippen“. Ein Satz der Mutter, mit dem die erste Foto-Sequenz anhebt, beschreibt das Existentielle der Situation: „Wo sollte ich jetzt, mitten in der Landschaft hin?“ Es ist eine frühe, elementare Bedrohung, wie sie in Grimmschen Märchen aufscheint. Und so begegnen wir auch in vielen Bildern einer verwunschenen, farblich zurückgenommenen Feenlandschaft, einem Gespinst aus Schilf, Spinnenweben, nebelverhangenen Wiesen, verfallenden Häusern inmitten von Brennesseln. Weiterlesen

Das Optisch-Unbewusste: Miroslav Tichýs monumentales Werk

Der Balanceakt, den die Welt der Moderne ihren Bewohnern auf dem Schauplatz der urbanen Öffentlichkeit abverlangt, ist so ambivalent wie reizvoll: Man wird gesehen, fordert oder erwidert den Blick der Passanten, erhascht verstohlen fremde Aufmerksamkeit und ist stets darauf bedacht, seine Individualität zu behaupten und dabei doch die eigene Verletzlichkeit zu cachieren. Noch schwieriger als für Männer gestaltet sich das Terrain für Frauen, ist es doch historisch betrachtet noch nicht allzulange her, dass sich Frauen mehr oder weniger unbehelligt alleine auf der Straße zeigen können. Weiterlesen

Land ohne Eltern

Zurückgelassene Kinder

Ein Foto zeigt ein Glas mit eingeweckten Früchten auf einer großflächig gemusterten Decke, ein anderes zwei geöffnete Päckchen mit Lebensmitteln aus dem Supermarkt. Bewegend ist die Aufnahme eines kleinen, dunkelhaarigen Mädchens in hübscher, aber etwas schmuddeliger rosa Kleidung vor einer oben weiß gehaltenen, unten in sattem Blau gestrichenen Wand. Sie hat die Schuhe abgestreift und ist auf einen Stuhl gestiegen, um den Hörer des Telefons zu erreichen, das auf einer Kühltruhe steht, und hört konzentriert auf die Stimme am anderen Ende der Leitung: Mama hat das Land verlassen, sie ist nach Italien gezogen und arbeitet dort als Altenpflegerin in einem Privathaushalt. Für drei Jahre bleibt das Kind mit den beiden Schwestern in der gemeinsamen Wohnung zurück. Die drei Mädchen, sie sind zwischen acht und zwölf Jahre alt, als die Mutter geht, wirtschaften alleine. Weiterlesen

Beiläufige Einblicke: Der Alltag japanischer Taucherinnen

Nina Poppe: AmaEine schmale, ältere Frau, ein Handtuch um den Kopf geschlungen, in Badelatschen und kariertem Hemd steht vor einem bepackten Fahrrad, man sieht sie oder eine Kollegin später im improvisierten Taucheranzug, die Beine stecken in bunt gemusterten Leggins, sie schaut ernst in die Kamera, eher selbst wie ein Meerestier denn wie eine stolze Geschäftsfrau. Nina Poppe hat das Leben der „Ama“ (Frauen des Meeres) fotografiert, japanischer Taucherinnen, die mit minimaler Ausrüstung und ohne Sauerstoffgerät ihrer Profession nachgehen, die traditionell in Frauenhand ist: Sie tauchen nach Meeresfrüchten wie Seeigel oder Seeohren (Abalone) und lösen sie mit einem Haken vom Meeresgrund. Weiterlesen

Lovigins Postkartenrussland

Lovigins verspielte Farbaufnahmen muten wie abgegriffene Postkarten an, die jemand in den frühen Sechziger Jahren erhalten hat, oft zur Hand nahm, dann aber in einem alten Karton liegen ließ, um zwei Jahrzehnte später Muster und Farben der bunt bekleideten Mütterchen hinzuzufügen, (die noch Kopftuch tragen oder schon ihr Haar leuchtend blond färben) und sie heute noch einmal am Computer nachzubearbeiten: Weiterlesen

Die Welt der Hafenstädte

6Michael Zibolds Fotografien wurden in großen Hafenstädten mit klingenden Namen aufgenommen: Lissabon, Istanbul, Hamburg, Marseille, Shanghai sowie in vierzehn weiteren Städten. Fast klingt es wie eine Rechtfertigung, wenn der Klappentext dann davon spricht, dass diese Auswahl eine mehr „zufällige“ als „beabsichtigte“ Klammer eint: Der Hafen spiele auf den Fotos, die innerhalb eines Zeitraums von zwanzig Jahren entstanden sind, eine eher beiläufige Rolle.

Klassische Hafensujets wie Schiffe, Kaianlagen, Fischernetze und Möwen befinden sich tatsächlich in der Minderzahl. Allerdings haben die Städte – bei aller geographischen und kulturellen Heterogenität – in der ständigen Gegenwart von Meer oder Fluss übergreifende Gemeinsamkeiten: Sie sind als Hafen- und Handelsstädte zuerst materieller Umschlagplatz von Waren und Menschen. Mit Fischereigewerbe, aber auch Prostitution sind sie Schauplatz harter körperlicher Arbeit. Ihre Verbindung zum offenen Meer schuf eine Projektionsfläche für Sehnsüchte nach Aufbruch und Weltläufigkeit, lange bevor die Welt global vernetzt war. Zibold zeigt das Unspektakuläre, aber visuell Reizvolle, das mehr über die Atmosphäre, das Licht, aber auch die Schattenseite einer Stadt auszusagen vermag als die Touristenattraktionen – es ist ein wenig wie mit Hotelzimmern: Sternehotels im historischen Zentrum bedienen Erwartungen, in einfachen Unterkünften in weniger besuchten Stadtteilen erfährt man etwas über die Bewohner.
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