Vom Acker. Feldforschung: Der Fotoband „The Good Earth“

Zwei weißhaarige Menschen arbeiten auf dem Feld, der Mann hat einen Spaten in die feinkrummige Erde gestochen und schaut konzentriert auf die Hand der Frau, die sich bedenklich nah am Spatenblatt befindet. Sie steht dicht neben ihm, bückt sich mühsam vornüber, um mit der Hand ein durchwurzeltes Pflänzchen, ins Erdreich zu setzen. Mit Schirmmütze und jeansblauem Hemd gibt er den Prototyp eines Individualisten, während ihre Aufmachung in bequemen Schuhen und kurzärmeligem Shirt eher an aktive Freizeitgestaltung in Gemeinschaft denken lässt. Die beiden älteren Herrschaften pflegen indes keinen Garten vor dem eigenen Haus oder eine Parzelle im Schrebergarten, sondern bestellen einen weitläufigen Acker. Anfang und Ende des Feldes kann man auf diesem Foto nicht ausmachen, man kann nur ahnen, wieviel Arbeit noch vor ihnen liegen mag.

Etwas weiter im Buch (Andreas Weinand: The Good Earth, Peperoni Books) sieht man Mann und Frau im Winter: Dieses Mal thront er auf der Sitzschale eines offenen Gefährts, einer Art selbstständig gewordenem Anhänger mit Außenmotor. Dieser scheint Schwierigkeiten zu machen, er stochert am Anlasser, sie versucht das seltsame Vehikel von hinten im Schnee anzuschieben und wirft sich mit bloßen Händen gegen die Seitenbretter. Weiterlesen

Pleite: die Jahre davor, die Jahre danach

Heinz Stephan Tesarek - Interim 55. Miss Fashion TV II Vienna, Austria, 2008

Ein Kind fährt mit den Händen über einen TV-Bildschirm als bekäme es so etwas zu fassen, man sieht es nur als Silhouette: Die eine Hand patscht auf ein Buchstabenfeld auf einem eingeblendeten Rechteck, die andere tippt auf den Buchstaben R. Im billig ausgestatteten Fernsehstudio ist eine junge, etwas angespannt blickende farbige Frau zu sehen, sie hält die Hand ans Ohr. Von „zwei Geldpaketen“ der „Teilnahme ab 18 Jahren“ und Mobilfunk ist in der eingeblendeten Schrift die Rede.

Die Szene, 2006 auf einem Kinderkanal ausgestrahlt, leitet Heinz-Stephan Tesareks Fotobuch „Zwischenzeit. Bilder entscheidender Jahre“ ein. Weiterlesen

Dialog der Bauwerke, Einsamkeit der Nutzer

Die zeitgenössische Architekturfotografie kennt ganz unterschiedliche Positionen
Architekturfotografie begnügt sich nicht mit der präzis erfassten Wiedergabe der Anatomie eines Gebäudes. Die Standpunkte reichen vom praxisorientierten Zugang über Freiräume der Imagination bis hin zum Augenmerk auf Rückbau und Absurdität entfesselter Bautätigkeit.

«Offenbar schlug ein kühner Architekt vor, als Brest nach dem Krieg in Ruinen lag, wo man schon alles neu bauen müsse, da sollten doch alle Einwohner das Meer sehen können: Man könne doch die Stadt im Halbkreis wieder aufbauen, nach hinten immer höhere Häuser, die Stadt bis an den Rand der Strände gezogen.» So setzt Tanguy Viels 2009 erschienener Roman «Paris-Brest» ein. Statt der Freigabe des Blicks und der Aufkündigung sozial differenzierender Höhenunterschiede sei es zu einem Wiederaufbau gekommen, der die Hafenstadt «kubisch und abgeplattet» erscheinen lasse «wie eine aztekische Pyramide abgeschnitten mit einem horizontalen Sensenhieb». Solch literarische Architekturkritik, die mit einprägsamen visuellen Bildern arbeitet, rüttelt an dem, was Architektur und Architekturfotografie im gelungenen Fall materiell und immateriell in Aussicht stellen: Freude am Ausblick, eine soziale Perspektive, die Reminiszenz an tradierte geometrische Formen, die aber auch wie hier zum Nachteil für die städtische Situation gegen den Strich gebürstet werden können.
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Bildmotive eines Nachtvogels: Paris in den Dreißiger Jahren

Regennasse Kopsteinpflaster, auf denen Lichtreflexe tanzen, Straßenlaternen mit gestreutem Licht, unter denen Mädchen warten, gusseisernes Stadtmobiliar von der Parkeinfassung bis zur Balkonbrüstung, überfüllte Bistros mit Spiegeln und ausgelassenen Pärchen an engen Tischchen, hingebungsvolle Liebespaare in Hut und Mantel, heute zum Teil ausgestorbene „kleine Berufe“ auf der Straße, die Akteure mit Schiebermütze und in Schnürstiefeln oder sogar in einer Art Uniform gesteckt: All das hat jahrzehntelang im zwanzigsten Jahrhundert das Bild von Paris geprägt. Scheinen in diesen Vorstellungen Bilder vom nächtlichen Paris auf, sind sie maßgeblich von den verhalten daherkommenden Aufnahmen Brassaïs bestimmt, der Anfang der dreißiger Jahre das nächtliche Paris „als Nachtvogel“ mit einer schweren Mittelformatkamera durchstreift hat. Mit dem Fotobuch „Paris de nuit“ (1932), das 64 sorgfältig ausgewählte Fotos zeigte und von einem Text des Schriftstellers Paul Morand begleitet war, wurde Brassaï „über Nacht“ berühmt. Einen profunden Einblick in dieses und andere Werke, auch Arbeiten aus dem Nachlass, die sich seinem großen Thema, dem nächtlichen Paris und einer sorgsam in Szene gesetzten Unterwelt widmen, gibt der zuerst bei Gallimard, jetzt bei Schirmer/Mosel aufgelegte und schön ausgestattete Band. Weiterlesen

Nächtliche Spiele

Einführung zur Ausstellung „Play“ von Ellen Bornkessel, Zeche Zollverein Essen 2013

Wir verlassen nach Einbruch der Dunkelheit das Haus oder steigen aus einem Fahrzeug und schon tauchen wir ein in das Treiben der hell erleuchteten Stadt, werden selbst zu einem Teil des Straßenbildes, das wir vorfinden: Sind wir noch Zuschauer oder sind wir bereits schon Akteure?

Ellen Bornkessels Aufnahmen zeigen die Großstadt als nächtliche Bühne für ihre Bewohner. Die architektonische Umgebung der Semperoper in Dresden bildet den Auftakt zu gleich mehreren Bildern (Das Ereignis, Der Weg, Die Kurve, Die Nachricht): ein großzügig gestalteter Platz, hell erleuchtete Fassaden und ausladende Treppenaufgänge, ganz großes Theater – die Schauseite der europäischen Monopole, Inbegriff kultivierter Architektur und städtischen Lebens. Das meiste ist jedoch spätere Inszenierung nach historischem Vorbild: Die im Krieg zerstörte Semperoper wurde teilweise schon in der Nachkriegszeit wieder aufgebaut, dann originalgetreu 1985 rekonstruiert und mit Beleuchtungsregie wirkungsvoll in Szene gesetzt.

Die Wahl dieses Ortes kann in zweifacher Hinsicht als geradezu programmatisch für Bornkessels Arbeit aufgefasst werden. Ihre Liebe gilt dem Theater, sie hat Probe und Premiere der spektakulären „Promethiade“-Triologie, die in Essen, Istanbul und Athen aufgeführt wurde, fotografisch künstlerisch begleitet. Weiterlesen

Bilder mit und ohne Einlegeblatt: Album, Filmepisode, Fotobuch

Ein Foto aus dem Familienalbum zeigt den Weg vom Auto zur Kirche an einem verregneten Apriltag: bunte Schirme, schmutzig-nasse Betonwände, Mädchen in weißem Kleid und Buben im Anzug, geschmückte Kerzen in der Hand, ein wenig angespannt ob des großen Tages und wegen des ungemütlichen Wetters. Dann die Feier im Trockenen und später noch einmal die Fotografien, die an die Verwandtschaft zur Erinnerung verschickt wurden: am Tag danach aufgenommen, bei strahlendem Sonnenschein, grünes Blattwerk im Hintergrund, die beiden Söhne noch einmal in die Anzüge gesteckt, die Kerzen in die Hand gedrückt.

Neben diesem eindrucksvollen und wahrscheinlich sehr katholischen Vorher/Nachher Bild-Paar vom Weißen Sonntag blieb mir auch ein weiteres Foto im Gedächtnis, das allerdings keinen Eingang ins Album fand: Der Kopf meines kleinen Bruders mit farbenprächtigem Federschmuck versehen, ragt aus einem nur verschwommen ins Bild gesetzten Vordergrund. In seiner Unschärfe und seinem aus dem Umgebungsgrau dann doch wieder überraschend klar herausgearbeiteten Detail wird das Bild zur Metapher für die Arbeit des unzuverlässigen und meist gnädigen Gedächtnisses (es sei denn man möchte es durch kruden Aktionismus, wie das Nachstellen eines Fotos überlisten). Zwischen diesen drei Bildern, dem tatsächlichen, dem inszenierten, dem wunderbar dilettantischen Zufallsbild haben sich die Siebziger Jahre in der BRD abgespielt, folgt man meinem, durch die private Kamera geprägten Bildgedächtnis.
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Veröffentlicht unter Essays

Pleite: die Jahre davor, die Jahre danach

Ein Kind fährt mit den Händen über einen TV-Bildschirm als bekäme es so etwas zu fassen, man sieht es nur als Silhouette: Die eine Hand patscht auf ein Buchstabenfeld auf einem eingeblendeten Rechteck, die andere tippt auf den Buchstaben R. Im billig ausgestatteten Fernsehstudio ist eine junge, etwas angespannt blickende farbige Frau zu sehen, sie hält die Hand ans Ohr. Von „zwei Geldpaketen“ der „Teilnahme ab 18 Jahren“ und Mobilfunk ist in der eingeblendeten Schrift die Rede.

Die Szene, 2006 auf einem Kinderkanal ausgestrahlt, leitet Heinz-Stephan Tesareks Fotobuch „Zwischenzeit. Bilder entscheidender Jahre“ ein. Es zeigt die Zeit vor und nach der Finanzkrise, ihre mentalen Voraussetzungen in der Welt der alten und neuen Medien, der Shows und Benefiz-Bankette und ihr fahler Widerschein in der Gewalt auf der Straße, in Prostitution, Armutsmigration, Obdachlosigkeit. Die Hälfte der Bilder sind in Wien entstanden, andere in den USA, viele in Osteuropa, das Wien nicht nur geografisch, sondern auch historisch besonders nahe ist. Tesarek ist seit vielen Jahren weltweit als Pressefotograf unterwegs und bekam 2013 mit einer Fotoreportage über eine griechische Mutter, die ihr Kind aus Armut und Fürsorge in ein SOS Kinderdorf abgegeben hat, den österreichischen Pressefotografiepreis „Objektiv“ zuerkannt.

Das Buch ist eine politisch dezidiertes Resümée seines Erfahrungshorizonts als Pressefotograf, der beruflich einmal Zutritt zu Gala-Dinners hat, ein andermal in Krisenregionen oder auf den Straßen Wiens bei Demonstrationen oder bedrohlichen Straßenszenen zugegen ist. Tesarek nützt das Medium Fotobuch dabei im besten Sinne, um in Rhythmus und Bildfolge zu zeigen, wie disparate Bildwelten, Medien und Realität ineinander greifen und so die unsichtbare Maschinerie der Globalisierung speisen. So sparsam die Angaben zu den Aufnahmen gehalten sind, so eindringlich wirkt die Bildabfolge. Hin und wieder unterbrechen Aufnahmen von flackernden Bildschirmbildern den Fluss der Schwarz-Weißfotos, die Lehman Brothers-Pleite zum Beispiel erscheint als Nachricht im Fernsehen nicht viel anders als eine Videoaufnahme von einem Banküberfall. Hände und Gesten sind zentral, als Pathosgesten, beim fulminanten Auftritt von Paris Hilton, als empor gereckte Hände oder geballte Fäuste, aber auch als intimster Part bei den glitzernden Partys der Millionäre, wie müde alte Tiere, abgehalfterte Zauberer oder Zangen erscheinen sie im Bildausschnitt oder als Zentrum der Bildaktion.

Eine Frage, die unterschwellig immer wieder aufscheint, ist wo und in welchem Kontext Bilder Menschen erreichen können. Da sind Obdachlose, die sich im Schatten des künstlichen Lichtes von Reklametafeln aufhalten oder Konsumenten von Sex-Werbung im Fernsehen – die angebotene Frau könnte genauso gut ein vermenschlichtes Comicfigürchen sein, das unter anderem Nippes im Wohnzimmerregal steht. „Europa ein leerer Traum“ lautet ein aus dem Arabischen übersetztes Graffiti aus einer bewegenden Bildfolge zur Situation von Flüchtlingen in Patras 2009. Ganz ohne Pathos, gerade auch bei schwierigen, „besetzten“ Themen gelingt es Tesarek elementare Situationen in ihrer ganzen Archaik zu zeigen: entlassene Bergleute, die konzentriert in wilden „Armenschächten“ Kohle hauen, Frauen, die um ihre Angehörigen, die bei einem Anschlag ums Leben gekommen sind trauern, Kerzen entzünden und Abschied nehmen. Das sind Fotografien, die der Welt der Wohltätigkeitsbankette und Renditesteigerung mit sicherem Blick entgegentreten.

Heinz-Stephan Tesarek: Zwischenzeit. Bilder entscheidender Jahre. 144 S. Limitiere Auflage, nummerierte Exemplare, 48 €

zuerst erschienen in: PHOTONEWS Zeitung für Fotografie Nr.10/13

Vertrautheit als Vorschule des Sehens – Harry Callahan in den Deichtorhallen

Filigrane Halme, Sonnenkreisel auf dem Wasser, die tanzenden Linien einer farbigen Neonreklame auf schwarzen Grund, mit der bewegten Kamera erzeugt und programmatisch: die Frau des Fotografen, ihr Scheitel scheint aus dem dunklen Haar auf wie ein sonnenbeschienener Weg oder eine weiße Straßenmarkierung auf Asphalt. Schon die ersten Bilder, die den Einstieg in die groß angelegte, über 280 Arbeiten umfassende Harry Callahan Retrospektive (kuratiert von Sabine Schnakenberg) in den Hamburger Deichtorhallen eröffnen, zeigen, worauf es in diesem autonomen Oeuvre ankommt: Vertrautheit, Experiment und Konzentration. Jedes Bild ist ein neu anzulegendes, mit den Mitteln der Kamera grafisch zu organisierendes Feld.

Harry Callahan (1912-1999), obwohl unbestritten einer der Großen der amerikanischen Fotografie des 20. Jahrhunderts, ist dem deutschen Publikum noch kaum bekannt. Weiterlesen

Reiz der Peripherie

Die Erkundung der Banalität anderswo. Landschaftswandel im Focus der Fotografie

Etwas zu sehen, was nicht im Reiseprospekt zu finden ist, lehrt die Landschaftsfotografie. Nicht nur unberühte Regionen, auch Industriezonen und auf offiziellen Karten nicht Verzeichnetes gerät so in den Blick.

Botschaften, die nur von oben zu sehen sind, ausgesandt vom Künstlerduo Remotewords: «Was bleibt ist die Zukunft», heisst es auf einem Dach der Zeche Lohberg Dinslaken.

Einmal angenommen, man wüsste nichts mehr von den Lebensumständen, in denen sich Menschen des 20. und 21. Jahrhunderts befunden haben, nichts über die Orte und Landschaften, die sie bewirtschaftet, durchfahren und nach Gebrauch sich selbst überlassen haben. Man hätte, wie ein Archäologe, nur ihre Hinterlassenschaften vor sich und sollte jetzt Aussagen über Mentalitäten und Kultur treffen? Oder man hätte nichts als ein Bündel von Fotografien, die von einer Zeit und einem Ort als einzige Zeugen übriggeblieben sind. Das wäre eine ähnliche Situation, wie sie Godard in seinem Film „Les Carabiniers“ in den Sechziger Jahren durchgespielt hat. Zwei arme Männer vom Land zogen in den Krieg, um die Welt zu erobern, sie schossen und fotografierten. Nach ihrer Rückkehr aus dem Krieg legen sie tatsächlich ihren Frauen, wie verspochen, das Erbeutete zu Füßen – in Form eines Koffers, vollgestopft mit Fotografien: Bauwerke und Gegenstände, alles ist darauf zu sehen. Aber eben nur zu sehen und nicht mit Händen zu greifen: Die Frauen haben wenig Freude daran. Und wären im Nachhinein vieleicht doch lieber selbst in die Welt hinausgezogen.

Bilder als Mahnungen
Heute ist das anders: Was man auf Fotografien zu sehen bekommt, die sich seit den Siebziger Jahren mit der banalen Peripherie, vernachlässigten Gebieten, verbauter Landschaft beschäftigen, das möchte man nicht unbedingt aus der Nähe sehen. Die Bilder dienen eher zur Mahnung und zeigen, was an Bausünden und Nachlässigkeiten schon alles begangen worden ist und wie die Welt einmal aussehen wird, wenn es so weitergeht wie bisher. Weiterlesen