Gemischter Satz

Sind es Grüße aus einer anderen Welt, die uns mit Michael Jochums Buch: „Gemischter Satz“ erreichen? Die Bilder sind in Schwarz-Weiß gehalten, eine Art Traumwelt, mit surrealen, oft auch unscharfen Reminiszenzen, wie sie uns in der Erinnerung entgegentreten, wenn wir Reales und von einem frühen Film Gesehenes oder Gelesenes nebeneinander stellen. Oder ist es eher ein Riss, der sich durch unser Bildgedächtnis zieht, ein manchmal unheimlich anmutender, dann wieder unbeschwert daher kommender Flash Back?

Wir sehen Bilder aus einem kargen, ländlichen Alltag, Szenen aus dem Niemandsland und am Rande, wie aus der Zeit gefallene Kleinkinder, die noch orientierungslos durch eine sich dem Zugriff entziehende Welt taumeln. Oder auch auf der linken Bildseite einige Disteln, rechts dann einen Bildausschnitt mit einer älteren Frau, die Hände über dem Schoß gefaltet, die Füße in Hausschuhen neben einem mit abstrahierten Blüten gemusterten Teppich gestellt, eine Kittelschürze umgebunden, deren Blumendruck die voll erblühten Disteln aufzugreifen scheinen. Und ja, auch der gepolsterte Esszimmerstuhl, auf dem sie sitzt, weist ein blumenartiges Ornament auf. Aber wir begegnen auch, mitten aus dem Leben gegriffen, unbeschwert lachenden, jungen Frauen, die sich ganz dem Moment hingegeben, sie könnten aus den Achtziger oder frühen Neunziger Jahren stammen. Dieser Eindruck mag aber auch durch die Art der Aufnahme entstanden sein, man denkt an die Bildästhetik dieser Zeit. Die Choreografie selbstvergessener Gebärden mit ihrem ganz eigenen Liebreiz interessiert den Fotografen, das Zusammenspiel der Hände, der Ausdruck von Augen und Mund, die Alltagsanmut des Gesprächs, sei es mit anderen, sei es im Dialog mit sich selbst. Solch versonnene Augenblicke werden gerne auf der gegenüberliegenden Seite mit der Dingwelt, aber auch mit Pflanzen, oder einem Ast konfrontiert. Manche Körperausschnitte erscheinen wie Bildskulpturen und hin und wieder hat sich auch eine steinerne Figur oder eine tönerne Hand unter die Lebenden gemischt oder auch nur eine Steinplatte mit Reisigbesen.
Michael Jochum schlägt mit seinem Buch einen weit ausgreifenden Bogen durch seine Bilderwelt, ihr Entstehungsprozess und die Auswahl haben eine lange Geschichte. Ihr Geheimnis ist die Langsamkeit, das Zuschauen, wie die Zeit vergeht. Von der Aufnahme bis zur Filmentwicklung verstreicht mindestens ein Jahr, von den Negativen bis zum Erstellen der Kontaktabzüge noch einmal ein bis zwei Jahre und weitere zwei bis drei Jahre oder mehr gehen ins Land, ehe Jochum eine Auswahl an Arbeitsprints trifft. Und sein Atem ist lang: Auch dann dauert es noch zwei bis drei Jahre, ehe die Bilder in einer Ausstellung oder einem Fotobuch ans Licht der Öffentlichkeit treten. Die letzten Bilder in diesem Buch stammen aus dem Jahr 2007. Das Liegenlassen und Zuwarten ist ein Teil der Konzeption, wir befinden uns als späte Betrachter in einer erheblichen zeitlichen Distanz zum Zeitpunkt der Aufnahme eines Bildes, aber auch zu seiner technischen Entwicklung. Michael Jochum ist ein Leser und so sind seine Bilder auch gesättigt mit imaginären Bildwelten, die einem passionierten Leser im Laufe seiner Lesebiografie als innerer Reichtum zur Verfügung stehen. Der einzige Text im Buch ist dann auch ein literarischer, von der Schriftstellerin Anna Weidenholzer verfasst. Das gibt der Gestimmtheit des Buches einen schönen, bezwingenden Abschluss: Sie erzählt davon, wie sie sich auf einen Stuhl, den sie in einer Häusernische antrifft, kauert, um hier zu warten. Eine Nachbarin bringt einen weiteren Stuhl, Schreibblock und Stifte mit und setzt sich zu ihr und sie sammeln einen „gemischten Satz“. Der Begriff bedeutet im Wiener Weinbau, dass man mehrere Rebsorten, die zur gleichen Zeit reifen, gemeinsam keltert. Die beiden Wartenden, indes sammeln die Sätze der Passanten, um daraus neue Sätze zu bilden. Ein Satz ist so mehrdeutig wie ein Bild: einen großen Satz nach vorne oder zurück machen, ein Satz Stifte, ein literarisches Bild, eine fotografisches Bild …


Michael Jochum: Gemischter Satz. Edition Fotohof. Salzburg 2025, 124 S., 28 Euro

Zuerst erschienen in PHOTONEWS Nr. 7-8/25 – Juli/August 2025