Der Augenblick der Fotografie

John Bergers Essays zur Fotografie zu lesen, heißt, ihm in eine Welt der Zuneigung, der Behutsamkeit und des Zorns über die maßlose Ungerechtigkeit der kapitalistischen Weltordnung zu folgen. Berger tastet sich an seine Sujets heran, umkreist sie, lässt sich von der jeweiligen Eigenart eines Fotografen faszinieren. Er umfängt das Subjektive in behutsamen, ja zart anmutenden Beschreibungen, um von ihnen ausgehend dann auf die Form des Erkennens zu zielen, die analoge Fotografie als die ihr eigene Form des Weltzugangs beanspruchen darf. Die Auswahl von Essays, Vorworten und Gesprächen, die von Berger seit den Sechziger Jahren verfasst worden sind, ist getragen von der kontinuierlichen Sensibilität und Neugier des Schriftstellers. Er weiß so zu schreiben, Weiterlesen

Beiläufiges Wohnen, flüchtiges Passieren: Betrachtungen zur Peripherie


Wo endet die Stadt, und wo genau beginnt die Peripherie? Inzwischen tragen nicht mehr zum historischen Zentrum zählende oder zu bürgerlichen Quartieren mit älterer Bausubstanz gehörende Wohnbezirke viele Namen: Im deutschen Sprachraum ist die Rede vom Stadtrand, von Agglomeration, Siedlung, Zwischenstadt oder Vorort. Häufig sind diese Vorstädte oder in der Stadt sich ausbreitenden Bereiche, die beiläufig bewohnt werden  –  selbst wenn man eine lange Zeitspanne seines Lebens dort verbringen sollte   – ,  mit dem Vorzeichen des Austauschbaren und Banalen versehen. Schon nach einiger Zeit kann ihnen der Ruch des sozialen Abstiegs, oder gar der Ruf des sozialen Brennpunkts anhaften. Solche Gegenden sind indes durchaus ein Thema für Fotografen, ja sie werden gerade hier nicht nur als Zeitzeugen, sondern als visuelle Spezialisten für übersehene und schnell verbrauchte Stadtlandschaften benötigt. Bilder von einer durch und durch gewöhnlichen Umgebung zu schaffen ist keine leichte Aufgabe. Und so entsenden Lehrende die Studierenden ihrer Fotoklassen auch heute immer wieder einmal hinaus in die Peripherie ihres jeweiligen Hochschulstandortes oder ihrer Heimatstadt – so wie bereits die Bechers und vor ihnen schon Otto Steinert ihre Fotoschüler ins Ruhrgebiet schickten. Weiterlesen

Der Fotograf und Zeichner Gerhard Vormwald ist tot (1948 – 2016) – ein Nachruf

Gerhard Vormwald: Hausbaustelle, 2012 - aus der Serie "Concrete illusions"

Gerhard Vormwald, mit dem ich mich so gerne über Ausstellungen und die Bilder, die wir unabhängig voneinander gesehen hatten, und über sein so vielfältiges zeichnerisches wie fotografisches Werk ausgetauscht habe, ist überraschend und unerwartet zuhause in Paris gestorben. Das ist für seine Frau und seinen Sohn ein unermesslicher Verlust, aber auch für alle, die sich zu seinen Freunden zählen durften.

Ich habe Gerhard Vormwald erst in seinen späten Jahren kennengelernt, dreimal in seiner Foto-Klasse in Düsseldorf einen Vortrag gehalten, ihn hier und da in Essays erwähnt und zwei Einführungen zu seinen Künstlerbüchern für ihn geschrieben, eine zu seinen Fotografien und eine zu seinen Zeichnungen, die ich gleichermaßen schätze und die für mich auch zusammengehören.

Mit Gerhard Vormwald bin ich einem unkonventionellen, warmherzigen, klugen und weltoffenen Menschen begegnet, der sich für Bilder begeistert hat, für lustige Basteleien, für die kleinen Absurditäten. Er unterhielt aber auch ein sehr genaues ja intimes Verhältnis zur Sprache, wog und vermaß das geschriebene Wort, als sei es ein Pinselstrich, der eine Zeichnung hebt oder verdirbt oder wie eine Inzenierung, die stimmt oder schal zu werden droht.

Gerhard und seine Frau Karin Vormwald unterhielten ein gastfreundliches Haus. Ich denke an die Zeit, die wir bei Besuchen und im Gespräch gemeinsam auf dem Land bei ihnen oder bei uns verbringen durften, wie an einen Stern, der so schnell nicht verglühen wird und bin dankbar ihn zu meinen Freunden gezählt haben zu dürfen. Wenn auch sehr traurig, dass er nicht mehr unter uns ist und nicht mehr sehen kann, wie morgens die Sonne aufgeht und den Auftakt zu einem neuen, produktiven Tag setzt.

http://www.gerhard-vormwald.de/

http://vormwald-books.de/

Wo endet die Stadt, wo genau beginnt die Peripherie?

Im Heft EIKON 93 (International Magazine for Photography and Media Art), erschienen in Februar 2016, stehen „Betrachtungen zur Peripherie“ im Fokus.

Wo endet die Stadt und wo genau beginnt die Peripherie? Inzwischen tragen nicht mehr zum historischen Zentrum zählende oder zu bürgerlichen Quartieren mit älterer Bausubstanz gehörende Wohnbezirke viele Namen: Im deutschsprachigen Sprachraum ist die Rede vom Stadtrand, von Agglomeration, Siedlung, Zwischenstadt oder Vorort. Häufig sind diese Vorstädte oder in der Stadt sich ausbreitenden Bereiche, die beiläufig bewohnt werden, selbst wenn man eine lange Zeitspanne seines Lebens dort verbringen sollte, mit dem Vorzeichen des Austauschbaren und Banalen versehen. Schon nach einiger Zeit kann ihnen das Verdikt des sozialen Abstiegs, oder gar der Ruf des sozialen Brennpunkts anhaften. Solche Gegenden sind indes durchaus ein Thema für Fotografen.

Der von mir kuratierte Beitrag stellt einige neuere Arbeiten von Fotografen vor, die sich damit auseinander setzen (Daniel Stemmrich, Jean Claude Mouton, Joachim Schumacher, Daniel Müller Jansen, Margherita Spiluttini, Robert Harding Pittman, Joachim Hildebrand und Gerhard Vormwald).

Vom Zauber französischer Sujets und anderen Kultur-Vermessungen

Stellen wir uns vor, ein Zauberer berührt mit seinem Zauberstab einen mit tiefschwarzem Samt ausgeschlagenen Zylinderhut. Vor unseren Augen entsteigt eine komplementäre Welt. Gerhard Vormwald gibt sich die Ehre: Es funkelt und glänzt, es zischt, spritzt, kracht und lodert – eine große Galaschau, ein permanentes Silvester im Wirbel der Formen und schon halten farbenfroh auch die Akrobaten und Artisten Einzug: Junge Menschen in bunten Trikots schweben durch die Luft, vollführen waghalsige Sprünge nackt oder korrekt gekleidet, sie spielen Instrumente, sie springen über Fernsehgeräte, Schreibtische und Fahrräder, es scheint jedenfalls ein Riesenspaß zu sein. Weiterlesen

Dialog der Bauwerke, Einsamkeit der Nutzer

Die zeitgenössische Architekturfotografie kennt ganz unterschiedliche Positionen
Architekturfotografie begnügt sich nicht mit der präzis erfassten Wiedergabe der Anatomie eines Gebäudes. Die Standpunkte reichen vom praxisorientierten Zugang über Freiräume der Imagination bis hin zum Augenmerk auf Rückbau und Absurdität entfesselter Bautätigkeit.

«Offenbar schlug ein kühner Architekt vor, als Brest nach dem Krieg in Ruinen lag, wo man schon alles neu bauen müsse, da sollten doch alle Einwohner das Meer sehen können: Man könne doch die Stadt im Halbkreis wieder aufbauen, nach hinten immer höhere Häuser, die Stadt bis an den Rand der Strände gezogen.» So setzt Tanguy Viels 2009 erschienener Roman «Paris-Brest» ein. Statt der Freigabe des Blicks und der Aufkündigung sozial differenzierender Höhenunterschiede sei es zu einem Wiederaufbau gekommen, der die Hafenstadt «kubisch und abgeplattet» erscheinen lasse «wie eine aztekische Pyramide abgeschnitten mit einem horizontalen Sensenhieb». Solch literarische Architekturkritik, die mit einprägsamen visuellen Bildern arbeitet, rüttelt an dem, was Architektur und Architekturfotografie im gelungenen Fall materiell und immateriell in Aussicht stellen: Freude am Ausblick, eine soziale Perspektive, die Reminiszenz an tradierte geometrische Formen, die aber auch wie hier zum Nachteil für die städtische Situation gegen den Strich gebürstet werden können.
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