Die Knochen sehen: Blinde in der Fotografie, ein neues Bewusstsein?

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Betrachtet man historische Aufnahmen, die Blinde zeigen, befällt einem Unbehagen. Auf einer frühen Aufnahme von Paul Strand „Blind Woman“ aus dem Jahr 1916 zum Beispiel sehen wir den Kopf einer älteren, ärmlich gekleideten Frau, frontal vor einer schäbigen Wand aufgenommen. Ihr eines Auge ist geöffnet und sieht gesund aus, beim anderen ist der Augapfel nach innen verdreht. Um ihren Hals baumelt ein Schild, auf dem nur ein einziges Wort steht „Blind“. Ähnlich eine Fotografie von Lisette Model aus den Dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts: Ein grimmig ausschauender Herr sitzt auf einem Hocker vor einer Plakatwand und präsentiert ein Schild mit der Aufschrift „Aveugle“. Blinde wie Betrachter scheinen in ihrer je eigenen Welt isoliert zu sein, die unselige Bettelsituation wirkt wie ein Bann. Schon Dante hat in der Commedia, beim Gang durchs Purgatorio, die ungleichgewichige Situation zwischen Sehenden und blinden Bettlern beklagt: „Mir schien als täten wir im Gehen unrecht, wenn wir sie sahn, ohne dass sie uns sehen.“

© Sonia Soberats


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Shot in the Dark – Bilder von blinden Fotografen

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Zunächst herrscht Verwunderung, ja Irritation, vor allem bei Menschen, die sich nicht professionell mit Bildern befassen: Blinde Fotograf*innen – ist das nicht ein vollkommen absurdes Unterfangen? Spät erblindete oder stark sehbehinderte Maler, die hochgeschätzt weiterarbeiten, sind in der Kunstgeschichte keine Seltenheit.

© Bruce Hall

Anders verhält es sich bei der Fotografie: Die Wahrnehmung des Blinden und seine Umsetzung innerer Bilder und gefühlter Raumwahrnehmung in ein zweidimensionales fotografisches Bild, das nach ästhetischen Kriterien betrachtet werden will, spitzt die Frage nach dem Akt des Fotografierens aufs Äußerste zu.

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