Etwas „zum ersten Mal“ sehen zu können, darin bestand der größte Reiz für den Betrachter früher Fotografie: seien es entlegene Gebiete, Einblicke in unbekannte Lebensweisen, Kriegsschauplätze oder auch nur ein unverbrauchter Blick auf scheinbar vertraute Gegenstände des Alltags.
Das erste Fotografiebuch „The pencil of Nature“, das auf 24 in der Dunkelkammer eigens angefertigten Tafeln mit fotografischen Abbildungen das unverhofft Neue in der Kunst der Fotografie zeigt, erschien in England zwischen 1844-1846 als Subskriptionsalbum in Einzellieferungen. William Henry Fox Talbot, der Erfinder des Negativ-Positiv Verfahrens und damit des eigentlichen Vorläufers der analogen Fotografie (im Gegensatz zur Daguerreotypie, die Unikate lieferte) kommentiert darin Blatt für Blatt seine Entdeckung.
Die sorgfältige Auswahl der Bildgegenstände und Talbots kluge, souverän und behutsam formulierten Anmerkungen enthalten in nuce fast alles, was für die spätere Fotografiediskussion von Bedeutung sein wird: Da ist das schnell erwachte kriminalistische Interesse, das sich für das mögliche Geschehen kurz vor und zum Zeitpunkt der Aufnahme interessiert, von dem Spuren auf der Fotografie festgehalten sind. Mehr als ein Künstler bereit ist, aufzuzeichnen, aber auch mehr als unser Auge zu sehen überhaupt in der Lage ist, zeigen die detailgenauen und doch in den Konturen weichen Fotos, die auch einen hohen ästhetischen Reiz besitzen: Es ist die vorsichtig tastende Hand des Liebhabers, die hier behutsam und mit langen Belichtungszeiten in visuell unbekanntes Terrain vordringt.
Die Bandbreite der Aufgaben, die das neue Medium erfüllen kann, ist groß: Der Wissenschaftler Talbot zeigt Faksimiles von Urkunden, Zeichnungen und Lithographien sowie direkt auf dem Negativ belichtete Pflanzen und filigranes Spitzenwerk. Mit Aufnahmen von Chinoiserien und Gläsern weist er auf die Chance für Sammler hin, mittels des neuen Mediums ihre Schätze präzise archivieren zu können, aber auch auf die Möglichkeit Gruppenporträts der Familie für nachfolgende Generationen anzufertigen. In einem kurzen Abriss der zu diesem Zeitpunkt noch jungen Fotografiegeschichte erläutert Talbot – leichthin und spannend erzählt – sein Vorgehen beim Aufnehmen und Fixieren des Bildes, das aus Überlegungen, aber auch aus „Trial and Error“ bestand. Bahnbrechend war Talbots Idee, speziell behandeltes Papier für das Negativ einzusetzen, von dem aus wiederum Positivabzüge auf Papier gemacht werden konnten sowie experimentelle Forschungen, welche mit dem Konservieren des „latenten Bildes“ die zeitliche Trennung von Aufnahme und Entwicklung des Negativs ermöglichten.
Für den Reprint des im Hirmer Verlag erschienenen Buches wurden Abzüge von den Originalnegativen angefertigt und schadhafte Stellen digital restauriert unter Hinzuziehen der verfügbaren Vintageprints. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Exakte Nuancierungen in der Tonigkeit lassen feinste Details sichtbar werden und führen die besondere Atmosphäre der Bilder vor Augen. Wir können damit Talbots fotografisches Werk ein Stück weit „zum ersten Mal“ sehen – nur schwer kann man sich seinem Charme entziehen.
William Henry Fox Talbot: The Pencil of Nature. Einleitung von Colin Harding. Englisch, 150 S., 24 Kalotypien, Hirmer Verlag 129 €
zuerst erschienen: Süddeutsche Zeitung 15.07.2011