Aus Berlin: Neue Architekturfotografie

Berlin im 20. Jahrhundert, Kulminationspunkt deutscher wie europäischer Geschichte, stand nach der Wende im Fokus divergierender wirtschaftlicher Interessen und fluktuierenden Lebensformen. Aus der Mauerstadt, in der sich auch mit wenig Geld leben ließ, wird die immer teurer und schicker werdende Hauptstadt, die Bewohner müssen sich zwischen alter und neuer Stadtrealität zurecht finden. Den theatralisch gestimmten Auftakt des Fotobandes „Berlin Raum Radar“ setzt Andreas Mühe. Man sieht, als befände man sich mental in ungebrochen patriarchalischen Zeiten, die angestrahlten Rückenfiguren von festlich gekleidetem Herrn und blonder Dame, die vor einem transparenten Balkongeländer die Aussicht auf Fernsehturm und Kuppel genießen: „Heiner und seine Frau“, 2008 lautet die Bildunterschrift. Um was für einen Heiner mag es sich hier handeln, der hier so programmatisch und doch anonym am Anfang des Buches ins Bild gesetzt wird? Heiner Bastian liest man in einer anderen Bildunterschrift bei der Netzrecherche: Hier steht also der wegen seiner Sammlungs- und Leihpolitik umstrittene Kunstsammler mit Celine Bastian auf dem Dach seines Kunst-Hauses am Kupfergrabendamm und schaut auf die Museumsinsel hinüber?

Friederike von Rauch: Philharmonie 2

Solche Feinheiten werden uns im Buch zur gleichnamigen Ausstellung mit seinem ansonsten sehr schönen und überzeugenden Parcours von 34 FotografInnen leider vorenthalten oder als bekannt vorausgesetzt. Recht knapp fasst sich die Kuratorin Nadine Barth in einleitenden Worten und ein kleiner Essay mit Stellungsnahmen zur Berliner Stadtpolitik von Nikolaus Kuhnert und Anh-Linh Nigo ist eine Kurzfassung eines bereits 2011 in Arch+ erschienenen Textes. Das ist schade, denn die so unterschiedlichen Arbeiten hätten weitergehende Betrachtungen verdient. Die FotografInnen, teils in Berlin lebend, teils mit dem Blick von außen bewegen sich zwischen zwei Polen, einem Interesse an architektonischen Formen und Ausblicken einerseits, der ungebrochenen Faszination an Baustellen, wilden Plakaten und letzten Brachen andererseits. Das ruft ganz unterschiedliche Berlinbilder hervor. Dawin Meckel zeigt die Kleinteiligkeit der von Bauzäunen und Planen versperrten Übergänge im öffentlichen Verkehrswesen, Passanten hasten vorüber oder versuchen sich auf sich alleine gestellt zu orientieren. Liegen gebliebenen Orten entlockt Ralph Mecke ihre genuine Ästhetik, so einem Mauerrest in der Bernauer Straße, der von einem hohen Stahlriegel gestützt neben der wiederaufgerichteten Friedhofsmauer steht oder einem beklecksten Fußboden in einem Werkraum, die Stufenabsätze sind farbig markiert, Kabel liegen umher, ein Sonnenstrahl gleitet darüber hinweg. Sarah Schönfeld zeigt in „Wende Gelände“, 2006 aufgegebene Sportstätten, ein türkis gekacheltes Schwimmbecken im Schnee, apfelgrün gestrichene Wände, bröselnde Decken, umgeworfene Bänke, eine Hommage an die Vergänglichkeit. Sibylle Bergemann nimmt Jugendliche in den Blick, die 2003 auf dem ehemaligen Gelände der Weltjugend und im Lustgarten vor dem Alten Museum nach eigenen Vorgaben turnen und biken. Dem speziellen Lebensgefühl junger Menschen zwischen Rebellion und Nachdenklichkeit im mittlerweile farbiger gewordenen Marzahn und Hellersdorf geht Christine Fenzl nach, auch hier ziehen die alten Freizeit-Angebote nicht mehr, wie eine grasüberwucherte Tischtennisplatte zeigt. Auf die nahezu zeitenthobene Formensprache urbaner Bebauung weisen kubistisch gestaffelte Dach- und Mauersilhouetten von Michael Schulz hin, Arwed Messmer kann der Versuchung nicht widerstehen, eine Panoramaansicht von staatstragenden DDR Plattenbauten bei Regen und bedecktem Himmel zu fotografieren und sie dem Vorzeigeprojekt privater Bauherren der Townhouses, einer schmalen, bunt nach Gusto bebauten Häuserzeile gegenüberzustellen. Friederike von Rauch verfolgt mit durchdachter Feinfühligkeit Raummodulationen: Lichtreflexe in den Betongängen der Philharmonie, die wohltemperierte Wirkung von Farbe in der Gestaltung der Innenarchitektur.

Berlin Raum Radar. Neue Architekturfotografie. Hrsg. v. Nadine Barth, Hatje Cantz, 128 S, 25 €

zuerst erschienen in: Photonews 7-8/16 Juli/August 2016

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