Kritische Stimmen zur Fotografie

38Eine Sammlung von 20 Essays zur Fotografietheorie mit einem Schwerpunkt auf der amerikanischen Diskussion in den 80iger und 90iger Jahren des letzten Jahrhunderts hat Herta Wolf vorgelegt.

Der erste Band (ein zweiter ist in Vorbereitung) setzt mit philosophischen Betrachtungen zum Gebrauch der Fotografie als Metapher ein. Diese eröffnen Einblicke in die erkenntnistheoretischen Voraussetzungen der Geschichte des Sehens. Wie Jonathan Crary eindrucksvoll darlegt, konnte für Descartes die Camera obscura zum Modell für objektives Sehen werden, welches von der Unzuverlässigkeit der sinnlichen Wahrnehmung absieht. Das Bild des fotografischen Negativs diente für Freud hingegen, so Sarah Kofman, zur Illustration der Arbeit des Unbewussten. Der Frage ob Fotografie als Kunst zu betrachten sei, wird mit einem Aufsatz begegnet, der die juristische Auseinandersetzung um Urheberrechtsfragen nachzeichnet. Mit einer kritischen Würdigung der Arbeit André Malraux‘ durch Rosalind Krauss wird dann die Bedeutung der Fotografie für die Kunstgeschichte diskutiert. Malraux‘ Überlegungen zu einem „imaginären Museum“, das aus einer fotografischen Inventarisierung der Weltkunst besteht und so Vergleiche zwischen entfernten Werken und Detailansichten ermöglicht, zeigen auch die offensive Nivellierung, die Fotografie mit den Originalen vornimmt. Sie verändert Maßstäbe und bringt dem Auge des Betrachters Unzugängliches in ihren Aufnahmen zur Sichtbarkeit. Dem Museum und besonders der Fotografieabteilung des Museum of Modern Art in New York gilt ein weiterer Schwerpunkt des Buches.
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Die Archivierung und Verwandlung der Welt im Medium der Fotografie

39„Die Welt, die sich dem Auge darbietet, ist eine völlig andere als diejenige, die sich der Kamera zeigt“ schreibt Bernd Stiegler. Aus einer Fülle von literarischen und naturwissenschaftlichen Quellen rekonstruiert er in seiner Habilitationsschrift eine – aus heutiger Sicht eher trivial erscheinende – Einsicht in die medienspezifische Besonderheit der Fotografie, die im 19. Jahrhundert allerdings erst allmählich heranreift.

Vertraute und ferne Lebenswelten dokumentiert das neue Medium nüchtern, scheinbar unbestechlich und mit steigender Geschwindigkeit der Wiedergabe. Die Fotografie konserviert Sichtbares. Sie vermag aber auch, wie die Momentfotografie von Bewegungsabläufen zeigt, bisher unsichtbar Gebliebenes aufzuzeichnen. Stiegler verfolgt die veränderliche Wertschätzung der Fotografie in der wissenschaftlichen und poetologischen Diskussion und die eifersüchtige Auseinandersetzung mit der „Medienkonkurrenz“ in Literatur und Ästhetik. Zwei Linien zeichnen sich in der nicht sehr übersichtlich strukturierten Darstellung des zeitgenössischen Diskurses um die Fotografie ab.
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