Bildmotive eines Nachtvogels: Paris in den Dreißiger Jahren

Regennasse Kopsteinpflaster, auf denen Lichtreflexe tanzen, Straßenlaternen mit gestreutem Licht, unter denen Mädchen warten, gusseisernes Stadtmobiliar von der Parkeinfassung bis zur Balkonbrüstung, überfüllte Bistros mit Spiegeln und ausgelassenen Pärchen an engen Tischchen, hingebungsvolle Liebespaare in Hut und Mantel, heute zum Teil ausgestorbene „kleine Berufe“ auf der Straße, die Akteure mit Schiebermütze und in Schnürstiefeln oder sogar in einer Art Uniform gesteckt: All das hat jahrzehntelang im zwanzigsten Jahrhundert das Bild von Paris geprägt. Scheinen in diesen Vorstellungen Bilder vom nächtlichen Paris auf, sind sie maßgeblich von den verhalten daherkommenden Aufnahmen Brassaïs bestimmt, der Anfang der dreißiger Jahre das nächtliche Paris „als Nachtvogel“ mit einer schweren Mittelformatkamera durchstreift hat. Mit dem Fotobuch „Paris de nuit“ (1932), das 64 sorgfältig ausgewählte Fotos zeigte und von einem Text des Schriftstellers Paul Morand begleitet war, wurde Brassaï „über Nacht“ berühmt. Einen profunden Einblick in dieses und andere Werke, auch Arbeiten aus dem Nachlass, die sich seinem großen Thema, dem nächtlichen Paris und einer sorgsam in Szene gesetzten Unterwelt widmen, gibt der zuerst bei Gallimard, jetzt bei Schirmer/Mosel aufgelegte und schön ausgestattete Band. Weiterlesen

Pleite: die Jahre davor, die Jahre danach

Ein Kind fährt mit den Händen über einen TV-Bildschirm als bekäme es so etwas zu fassen, man sieht es nur als Silhouette: Die eine Hand patscht auf ein Buchstabenfeld auf einem eingeblendeten Rechteck, die andere tippt auf den Buchstaben R. Im billig ausgestatteten Fernsehstudio ist eine junge, etwas angespannt blickende farbige Frau zu sehen, sie hält die Hand ans Ohr. Von „zwei Geldpaketen“ der „Teilnahme ab 18 Jahren“ und Mobilfunk ist in der eingeblendeten Schrift die Rede.

Die Szene, 2006 auf einem Kinderkanal ausgestrahlt, leitet Heinz-Stephan Tesareks Fotobuch „Zwischenzeit. Bilder entscheidender Jahre“ ein. Es zeigt die Zeit vor und nach der Finanzkrise, ihre mentalen Voraussetzungen in der Welt der alten und neuen Medien, der Shows und Benefiz-Bankette und ihr fahler Widerschein in der Gewalt auf der Straße, in Prostitution, Armutsmigration, Obdachlosigkeit. Die Hälfte der Bilder sind in Wien entstanden, andere in den USA, viele in Osteuropa, das Wien nicht nur geografisch, sondern auch historisch besonders nahe ist. Tesarek ist seit vielen Jahren weltweit als Pressefotograf unterwegs und bekam 2013 mit einer Fotoreportage über eine griechische Mutter, die ihr Kind aus Armut und Fürsorge in ein SOS Kinderdorf abgegeben hat, den österreichischen Pressefotografiepreis „Objektiv“ zuerkannt.

Das Buch ist eine politisch dezidiertes Resümée seines Erfahrungshorizonts als Pressefotograf, der beruflich einmal Zutritt zu Gala-Dinners hat, ein andermal in Krisenregionen oder auf den Straßen Wiens bei Demonstrationen oder bedrohlichen Straßenszenen zugegen ist. Tesarek nützt das Medium Fotobuch dabei im besten Sinne, um in Rhythmus und Bildfolge zu zeigen, wie disparate Bildwelten, Medien und Realität ineinander greifen und so die unsichtbare Maschinerie der Globalisierung speisen. So sparsam die Angaben zu den Aufnahmen gehalten sind, so eindringlich wirkt die Bildabfolge. Hin und wieder unterbrechen Aufnahmen von flackernden Bildschirmbildern den Fluss der Schwarz-Weißfotos, die Lehman Brothers-Pleite zum Beispiel erscheint als Nachricht im Fernsehen nicht viel anders als eine Videoaufnahme von einem Banküberfall. Hände und Gesten sind zentral, als Pathosgesten, beim fulminanten Auftritt von Paris Hilton, als empor gereckte Hände oder geballte Fäuste, aber auch als intimster Part bei den glitzernden Partys der Millionäre, wie müde alte Tiere, abgehalfterte Zauberer oder Zangen erscheinen sie im Bildausschnitt oder als Zentrum der Bildaktion.

Eine Frage, die unterschwellig immer wieder aufscheint, ist wo und in welchem Kontext Bilder Menschen erreichen können. Da sind Obdachlose, die sich im Schatten des künstlichen Lichtes von Reklametafeln aufhalten oder Konsumenten von Sex-Werbung im Fernsehen – die angebotene Frau könnte genauso gut ein vermenschlichtes Comicfigürchen sein, das unter anderem Nippes im Wohnzimmerregal steht. „Europa ein leerer Traum“ lautet ein aus dem Arabischen übersetztes Graffiti aus einer bewegenden Bildfolge zur Situation von Flüchtlingen in Patras 2009. Ganz ohne Pathos, gerade auch bei schwierigen, „besetzten“ Themen gelingt es Tesarek elementare Situationen in ihrer ganzen Archaik zu zeigen: entlassene Bergleute, die konzentriert in wilden „Armenschächten“ Kohle hauen, Frauen, die um ihre Angehörigen, die bei einem Anschlag ums Leben gekommen sind trauern, Kerzen entzünden und Abschied nehmen. Das sind Fotografien, die der Welt der Wohltätigkeitsbankette und Renditesteigerung mit sicherem Blick entgegentreten.

Heinz-Stephan Tesarek: Zwischenzeit. Bilder entscheidender Jahre. 144 S. Limitiere Auflage, nummerierte Exemplare, 48 €

zuerst erschienen in: PHOTONEWS Zeitung für Fotografie Nr.10/13

Land ohne Eltern

Zurückgelassene Kinder

Ein Foto zeigt ein Glas mit eingeweckten Früchten auf einer großflächig gemusterten Decke, ein anderes zwei geöffnete Päckchen mit Lebensmitteln aus dem Supermarkt. Bewegend ist die Aufnahme eines kleinen, dunkelhaarigen Mädchens in hübscher, aber etwas schmuddeliger rosa Kleidung vor einer oben weiß gehaltenen, unten in sattem Blau gestrichenen Wand. Sie hat die Schuhe abgestreift und ist auf einen Stuhl gestiegen, um den Hörer des Telefons zu erreichen, das auf einer Kühltruhe steht, und hört konzentriert auf die Stimme am anderen Ende der Leitung: Mama hat das Land verlassen, sie ist nach Italien gezogen und arbeitet dort als Altenpflegerin in einem Privathaushalt. Für drei Jahre bleibt das Kind mit den beiden Schwestern in der gemeinsamen Wohnung zurück. Die drei Mädchen, sie sind zwischen acht und zwölf Jahre alt, als die Mutter geht, wirtschaften alleine. Weiterlesen

Beiläufige Einblicke: Der Alltag japanischer Taucherinnen

Nina Poppe: AmaEine schmale, ältere Frau, ein Handtuch um den Kopf geschlungen, in Badelatschen und kariertem Hemd steht vor einem bepackten Fahrrad, man sieht sie oder eine Kollegin später im improvisierten Taucheranzug, die Beine stecken in bunt gemusterten Leggins, sie schaut ernst in die Kamera, eher selbst wie ein Meerestier denn wie eine stolze Geschäftsfrau. Nina Poppe hat das Leben der „Ama“ (Frauen des Meeres) fotografiert, japanischer Taucherinnen, die mit minimaler Ausrüstung und ohne Sauerstoffgerät ihrer Profession nachgehen, die traditionell in Frauenhand ist: Sie tauchen nach Meeresfrüchten wie Seeigel oder Seeohren (Abalone) und lösen sie mit einem Haken vom Meeresgrund. Weiterlesen

Ach, Europa! Positionen europäischer Landschaftsfotografie

„Das Verhältnis zur Landschaft hat wesentlich Anteil an unserer Art und Weise, Europäer zu sein“, schreibt Liz Wells im Nachwort zu „Sense of place. Europäische Landschaftsfotografie“. Das Schaffen von 40 Fotografinnen und Fotografen ist hier nach Himmelsrichtungen und Regionen geordnet: Norden, Central-Mitteleuropa, Süden (Mittelmeer-Atlantik/östliches Mittelmeer), der „Osten“ existiert dabei ebensowenig wie der „Westen“. Einführende Essays von Kuratoren (nicht immer passen sie ganz zu den vorgestellten Bildern der Fotografen) reflektieren, betrachtet man sie als Ganzes, das große und konträre Spektrum der Möglichkeiten, sich mit Landschaft zu beschäftigen. Der Bildband setzt ein mit Bruno Baltzers Aufnahmen eines verlassenen, asphaltierten, nächtlichen Kirmesgeländes, womit der äußerste Punkt einer vom Menschen geschaffenen „Landschaft“ definiert wäre und endet mit einer überfüllten Strandanlage in „Catania“ von Massimo Vitali. Weiterlesen

Lovigins Postkartenrussland

Lovigins verspielte Farbaufnahmen muten wie abgegriffene Postkarten an, die jemand in den frühen Sechziger Jahren erhalten hat, oft zur Hand nahm, dann aber in einem alten Karton liegen ließ, um zwei Jahrzehnte später Muster und Farben der bunt bekleideten Mütterchen hinzuzufügen, (die noch Kopftuch tragen oder schon ihr Haar leuchtend blond färben) und sie heute noch einmal am Computer nachzubearbeiten: Weiterlesen

Tief im Waldesinnern: Yann Mingards Fotoband „Repaires“

Wie nähert man sich als Europäer dem Wald, wenn er nicht als Naherholungsgebiet erkundet und durch ein Wegenetz erschlossen ist, sondern noch geradezu unberührt vor einem zu liegen scheint? Und worin liegt sein Versprechen? Woran rührt dieser Lebensraum, der dem Städter heute eher als bedrohtes Rückzugsgebiet erscheint denn als einmal fruchtbar sich erneuernde Vegetationsform Mitteleuropas?

Scheu und Forschungsgeist sind neben der einsetzenden Dämmerung, die der Fotograf auf seinen Farbaufnahmen einfängt, die beiden Begleiter, die einem beim Betrachten von Yann Mingards Fotobuch  „Repaires“ (Hatje Cantz) zur Seite stehen. Man wird still, als lausche man den Geräuschen der Waldtiere, dem Rascheln der Blätter, wenn man Seite für Seite, Blatt für Blatt tiefer in das Innere des Waldes geführt wird. Weiterlesen

Ein Foto-Querschnitt durchs heutige China: Menschen und ihre Arbeit

Eine steinalte Frau mit schönem Haar sitzt in ihrer Uniform an einem Tisch als wäre es eine Amtsstube, sie ist die letzte Überlebende des Langen Marschs und wohnt in einem Altenheim für Veteranen der Roten Armee. Eine wettergegerbte buddhistische Nonne, im handgewebten, schmutzigen Kleid blickt auf einen Stock gestützt den Betrachter wie aus weiter Ferne an. Einige Seiten weiter sieht man ein junges Mädchen im internationalen Girlie-Outfit, nicht ganz so schrill wie die jungen Japanerinnen, eher westlich, sie versucht gefährlich erfahren auszuschauen. Die Menschen in Chinas Metropolen haben in den letzten Jahrzehnten gewaltige Umbrüche in der Lebensweise erfahren, aber in abgelegenen Tälern findet man auch noch Bauern, die ihre Felder mit Wasserbüffeln und selbstgemachten Dreschflegeln wie ihre Vorfahren bewirtschaften.
Der bemerkenswerte Band „China“ von Mathias Braschler und Monika Fischer zeigt mit großem Ernst die ganze Spannweite der Lebensformen. Die Schweizer Fotografen reisten, begleitet von ihrem Fahrer, Assistenten und Dolmetscher Fu Yuan, sieben Monate quer durch das Land. Sehr lange Fahrzeiten, schwierige Organisation und pro Tag ein Porträt von Zufallsbegegnungen, die Fu Yuan zum Mitmachen bewegte, hatten sich die beiden vorgenommen. Weiterlesen

Das Phantom des Palastes

Bausperrzäune im Inneren der Räume des „Palastes der Republik“, ein beiseite gerückter Stuhl, die Spuren der Abbrucharbeiten: Betrachtet man die Fotodokumentation des Fotografen Christian von Steffelin über den aufgelassenen, zeitweilig umgenutzten, asbestsanierten, entbeinten und schließlich abgerissenen „Palast der Republik“ der gewesenen Hauptstadt der untergegangenen DDR, so ist es zeitweilig als schaute man in den aufgelassenen Fundus eines Theaters. „Erichs Lampenladen“ wie der Palast aufgrund der Unmengen von ballonförmigen Lampen im Inneren genannt wurde, wirkt aus heutiger Perspektive tatsächlich wie eine Mischung aus realsozialistischem Kaufhaus – es gab Rolltreppen und klein gemusterte Teppichböden – und Inszenierung dessen, was man in der DDR der Siebziger Jahre für fortschrittlich hielt. Manches verströmt den Charme älterer Sciencefiction Filme, zwischen Kitsch und Formwillen, mal futuristisch, mal zum Fürchten bieder.
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