Reiz der Peripherie

Die Erkundung der Banalität anderswo. Landschaftswandel im Focus der Fotografie

Etwas zu sehen, was nicht im Reiseprospekt zu finden ist, lehrt die Landschaftsfotografie. Nicht nur unberühte Regionen, auch Industriezonen und auf offiziellen Karten nicht Verzeichnetes gerät so in den Blick.

Botschaften, die nur von oben zu sehen sind, ausgesandt vom Künstlerduo Remotewords: «Was bleibt ist die Zukunft», heisst es auf einem Dach der Zeche Lohberg Dinslaken.


Einmal angenommen, man wüsste nichts mehr von den Lebensumständen, in denen sich Menschen des 20. und 21. Jahrhunderts befunden haben, nichts über die Orte und Landschaften, die sie bewirtschaftet, durchfahren und nach Gebrauch sich selbst überlassen haben. Man hätte, wie ein Archäologe, nur ihre Hinterlassenschaften vor sich und sollte jetzt Aussagen über Mentalitäten und Kultur treffen? Oder man hätte nichts als ein Bündel von Fotografien, die von einer Zeit und einem Ort als einzige Zeugen übriggeblieben sind. Das wäre eine ähnliche Situation, wie sie Godard in seinem Film „Les Carabiniers“ in den Sechziger Jahren durchgespielt hat. Zwei arme Männer vom Land zogen in den Krieg, um die Welt zu erobern, sie schossen und fotografierten. Nach ihrer Rückkehr aus dem Krieg legen sie tatsächlich ihren Frauen, wie verspochen, das Erbeutete zu Füßen – in Form eines Koffers, vollgestopft mit Fotografien: Bauwerke und Gegenstände, alles ist darauf zu sehen. Aber eben nur zu sehen und nicht mit Händen zu greifen: Die Frauen haben wenig Freude daran. Und wären im Nachhinein vieleicht doch lieber selbst in die Welt hinausgezogen.

Bilder als Mahnungen
Heute ist das anders: Was man auf Fotografien zu sehen bekommt, die sich seit den Siebziger Jahren mit der banalen Peripherie, vernachlässigten Gebieten, verbauter Landschaft beschäftigen, das möchte man nicht unbedingt aus der Nähe sehen. Die Bilder dienen eher zur Mahnung und zeigen, was an Bausünden und Nachlässigkeiten schon alles begangen worden ist und wie die Welt einmal aussehen wird, wenn es so weitergeht wie bisher. Weiterlesen

Deutsche Dokumentarfotografinnen der Kriegsgeneration. Was Menschen zusammenhält.

48Erika Sulzer-Kleinemeier, Abisag Tüllmann und Angela Neuke, Tata Ronkholz oder Inge Rambow – sie alle verbindet eines: Ihre Kindheit war vom Krieg überschattet, sie haben Zusammenbruch und Wiederaufbau erlebt und analysieren mit ihren Fotografien, was Menschen zusammenhält.

Dokumentarfotografie bedeutet mehr noch als rein künstlerische Fotografie ein persönliches Bekenntnis der Fotografin. Sie zeigt, was sie vor Ort mit der Kamera sieht, nimmt uns mit, wenn sie unterwegs ist. Ihr Blick richtet sich bevorzugt auf das, was ohne Aufhebens geschieht, sich im Alltagsgeschehen oder in ritualisierten Abläufen so offensichtlich unsichtbar gemacht hat, dass es der Wahrnehmung entgleitet. Holt sie es wie beiläufig und doch mit Absicht ins Bild, so wird jenseits der Fotografie von besonderen Ereignissen und jenseits des Tagesgeschehens im Bildjournalismus eine Welt sichtbar, die im Vorübergehen und im Hier und Jetzt ihre ganz spezifische Qualität besitzt: Es entstehen unter ihrem Blick miteinander korrespondierende «Biotope», die inmitten des gewohnten Ablaufs dezidiert, wenn auch zunächst kaum merklich Aussagen über das Gesamte treffen: Dokumentarfotografie zeigt Menschenwerk gerade dort, wo man gewohnt ist, Funktionales zu sehen, und führt damit doch umso eindringlicher die zeit- und kulturspezifischen Bedingungen menschlicher Haltungen vor Augen. Fragile Gegenräume kommen so ins Bild, die mit der Fotografie «aufgenommen» werden: Die Fotografin erkennt sie mit ihrer Kamera.
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Auszeit

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Quer durch die Fotografiegeschichte sind sie anzutreffen: Aufnahmen von Wartenden in öffentlichen Verkehrsmitteln. Worin liegt der Reiz dieser Fotografien, was sagen sie über eine Zeit, und bieten sie darüber hinaus gar eine bisher unbeachtet gebliebene Reflexion der fotografischen Situation?

Welche Art Sehnsüchte und kollektive Traumata, aber auch welche Fertigkeiten und Erfahrungen nonverbal von Generation zu Generation weitergereicht werden und unterhalb der Wahrnehmungsschwelle Mentalitäten formen, beschäftigt Dichter ebenso wie Ethnologen, Analytiker und Soziologen.

In die Höhe strebende Äcker
Mit bösem Blick auf das kulturelle Selbstverständnis der Amerikaner nimmt Alexander Kluge in seinem Buch «Tür an Tür mit einem anderen Leben» (Suhrkamp-Verlag 2006) dieses Interesse in den Blick. Unter der Überschrift «Das Land des Euphrat und des Tigris mit der Seele suchend» stellt er einen amerikanischen Militär im Irak vor, seines Zeichens Major und Altphilologe. In seinen Forschungen hat er sich mit der 6000-jährigen «Geschichte der landwirtschaftlichen Revolution» beschäftigt und betrachtet den Krieg im Irak als eine Art Rückkehr in eine imaginäre «Heimat»: Seine Leute, allesamt aus New York, die jeden Tag vor ihm anträten, zitiert Kluge seinen imaginären Gewährsmann, trügen die gesamte Vorgeschichte in sich. Weiterlesen

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Nachgestellte Haltungen: ein Mediencrossover zwischen Vergangenheit und Gegenwart

12Fotografien lenken den Blick des Betrachters – allerdings weniger denn je auf Ereignisse der Vergangenheit als hin zu einer anderen Anschauung des Gegebenen. Wie selbstverständlich wird ihnen (gerade auch von Schriftstellern) zunächst einmal visuelle Evidenz zugesprochen. Aber bereits im folgenden Schritt wird ihnen dieses Vertrauen wieder entzogen: Fotografien fordern zur Überprüfung auf. Man möchte wissen, ob die Botschaft, die das Gezeigte so körperlich plastisch zu vermitteln vermag, auch mit rechten Mitteln zustande gekommen ist. Hat man sich womöglich zu der Meinung verführen lassen, etwas mit eigenen Augen gesehen zu haben, was doch ’nur‘ auf dem Bild existiert?

Geheimes Wissen
Aber steht nicht die europäische Malerei in der Tradition des durch (geometrische wie optische) Projektion verführten Blickes? Man geht davon aus, dass Maler wie Canaletto und Vermeer die Camera obscura eingesetzt haben, um mit dieser optischen Hilfe über die perspektivische Konstruktion hinauszugelangen. Um 1900 taucht diese Vermutung auf, aber im Prinzip wird schon von Joshua Reynolds im 18. Jahrhundert der Gedanke an den Einsatz der Camera obscura ins Spiel gebracht. Svetlana Alpers („Kunst als Beschreibung. Holländische Malerei des 17. Jahrhunderts“, Dumont) und Philip Steadman (Vermeer’s camera. Uncovering the truth behind the masterpieces, Oxford University Press) legen dies – in ihren von Künstlern wie David Hockney und Hiroshi Sugimoto – aufgegriffenen Studien dar. Weiterlesen

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Kontinuität der Irritation

20Aller technischen Innovation zum Trotz wirkt die Fotografie unserer Tage wie aus einer anderen Zeit

Historische Techniken und Darstellungsformen in zeitgenössischer Fotografie reflektieren die Geschichte der Fotografie und verweisen auf das verstörende Potenzial des scheinbar so objektiven Mediums.

Bereits als relativ junges Medium hat die Fotografie ihre eigene Geschichte in den Blick genommen. Der «Nebel der Frühzeit», der nach Benjamin über dem Beginn fotografischer Tätigkeit ausgebreitet liegt, weckt, wie Wolfgang Kemp in einem Essay bemerkt, bereits Mitte des 19. Jahrhunderts das Interesse der Fotografen an der Historie ihres eigenen, gerade erst den Kinderschuhen entwachsenen Mediums. Der Mythos des Anfangs lässt sich für die Fotografie nicht auf eine einzige Erzählung zurückführen. Er verzweigt sich in viele Geschichten, enthält liegengelassene, von der Entwicklung überholte, aber auch zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgegriffene technische Verfahren. Weiterlesen

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Kühne Elementarlehren. Die digitalen (Gegen-) Welten der Fotografie.

22„Im Dämmern der Orte gibt es Türen zum Unendlichen, die schlecht schließen“, schreibt Louis Aragon in den 20er Jahren angesichts der zum Abriss bestimmten „Passage de l’Opéra“ in Paris und der dort zum Kauf feil gebotenen Gegenstände. Aragon hatte die im Verschwinden begriffenen Umschlagplätze von Waren und Träumen, die vor Ort zu findenden Plakate und Schilder noch selbst in Augenschein genommen und sie in „Le Paysan de Paris“ zum Ausgangspunkt seiner surrealen, literarischen Phantasien werden lassen.

In Werbung und Kunst unserer heutigen Konsumkultur sind es zunehmend digital modulierte Fotografien die den Zugang zu solch einer anderen Welt versprechen. Mit der Digital- oder einer traditionellen Kamera aufgenommen entstehen auf der Grundlage fotografischer Arbeiten digital geklärte, aseptische Gegenwelten und penibel konstruierte Modellräume. In ihrer Gleichförmigkeit übersteigen sie noch die Erfahrung alltäglicher Banalität. Der „Sinn für alles Gleichartige auf der Welt“, den Walter Benjamin seinen Zeitgenossen bescheinigt hat, findet hier in sich wiederholenden Formen und Pattern sein Betätigungsfeld. Mit digitaler „Hand“ geglättete Häuserfronten und Naturansichten zeigen eine Makellosigkeit, in der zwischen Perfektion und Langeweile nur ein kleiner Schritt liegt.
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„Träume von zeitloser Schönheit“. Logbücher für Begegnungen jenseits von Zeit und Raum

40Träume von zeitloser Schönheit.
Noch heute – in Zeiten elektronischer Bildbearbeitung – scheint von Porträts, die eine geliebte oder öffentlich bekannte Person abbilden, eine magische Bildwirkung auszugehen. Bis ins neunzehnte Jahrhundert erfüllten in erster Linie repräsentative Gemälde aber auch private Zeichnungen den Wunsch nach illusionistischer Wiedergabe des menschlichen Antlitzes. In der modernen Memorialkultur haben Fotografien ihren Platz eingenommen.

Wie zuvor das gemalte Bildnis der fernen Geliebten, das schützende Amulett, halten heute die Jugendfotographie des Partners im Portemonnaie oder ein aktuelles Starposter Träume von zeitloser Schönheit fest. Stets verspricht ein solches Bild mehr zu sein als das detailgetreue Abbild einer Person auf einem beschichteten Stück Papier. Aber gerade, wenn die Darstellung des Porträtierten wie aus dem Leben gegriffen zu sein scheint, verharrt das Bildnis in einem eigentümlichen Schwebezustand. Es gehört einem Niemandsland an, das seinen Ort sowohl im Hier und Jetzt als auch in der Vergangenheit einnimmt. Fotografische oder digitalisierte Aufnahmen wirken im öffentlichen Raum an einem visuellen Logbuch mit, das im Starkult des Medienzeitalters mit privaten Erinnerungen durchmischt wird. Fotos der Stars von gestern – von Elvis bis Che Guevara, von Kennedy bis Lady Di – bestücken ein imaginäres Bilder-Museum. Und ebenso wie populäre Musikstücke oder Gerüche lösen sie leise Wehmut aus, wenn man ihnen zu einem späteren Zeitpunkt wieder gegenüber steht: Anflüge eines längst vergessen geglaubten Lebensgefühls scheinen aus der Erinnerung aufzusteigen.
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