Die feinen Unterschiede

Der differenzierte Blick auf die Architektur der Ostmoderne im Fokus der Fotografie

(folgender Text basiert auf einem Vortrag, den ich am 05.12.2015 auf einer Tagung der Deutschen Fotografischen Akademie in Leipzig gehalten habe.)

Architektonische Relikte westlicher Schwerindustrie erfuhren in den letzten Jahrzehnten Aufmerksamkeit, Anerkennung und Pflege. Wie ein Blick auf den produktiven Umgang mit stillgelegten Zechen im Ruhrgebiet oder auch auf die Völklinger Hütte im Saarland zeigt, halten solch übrig gebliebene Anlagen, vor dem Verfall bewahrt und museumspädagogisch begleitet, auch die Erinnerung an untergegangene Produktionsformen wach: Die Lebensbedingungen im Maschinenzeitalter waren hart, aber die Arbeiten und Apparaturen selbst noch anschaulich und in ihren Abläufen im Großen und Ganzen zu begreifen. Funktionale, im neunzehnten Jahrhundert aber durchaus auch sehr repräsentative Industriebauten, zeigen eine eindrucksvolle Spannweite archtitektonischer Vielfalt, auch wenn man mit ihnen bei rauchenden Schloten nicht unbedingt ihre eigenwillige Schönheit und eindrucksvolle Wucht verband, sondern in erster Linie Schwerarbeit, Lärm und Schmutz. Weiterlesen

Licht-Einfälle. Welterkenntnis im Medium der Fotografie

Aus Anlaß der Buchveröffentlichung von Guido Baselias Fotobuch „Light Fall“ zeigt die Galerie Andres Thalmann bis zum 03.05.14 eine Auswahl seiner Fotographien. Wortlaut meiner im Begleitprogramm zur Ausstellung am 10. April 2014 gehaltenen Rede:

Fotografie bringt uns nicht nur längst entschwundene Augenblicke der Vergangenheit näher, sie konfrontiert uns auch mit einer Betrachtungsweise, die ein Stück weit die unsere ist, darüber hinaus aber explizit visuelle Strukturen erfasst. Diese sind in einer Situation, einem Geschehen zwar bereits angelegt, werden aber für uns erst auf der Aufnahme reflektiert. Einzelheiten und Ausschnitte, Kombinationen und Licht-Schattenverhältnisse werden sichtbar, die unsere Augen, die ihre Aufmerksamkeit im Alltagsgeschehen auf viele Faktoren gleichzeitig richten müssen, nur selten wahrnehmen können.

Zeitlichkeit spielt indes nicht nur für die Kapazität unserer Augen eine Rolle, sie bildet auch die immer wieder neu zu ergründende Faszinationskraft der Fotografie. Weiterlesen

Nächtliche Spiele

Einführung zur Ausstellung „Play“ von Ellen Bornkessel, Zeche Zollverein Essen 2013

Wir verlassen nach Einbruch der Dunkelheit das Haus oder steigen aus einem Fahrzeug und schon tauchen wir ein in das Treiben der hell erleuchteten Stadt, werden selbst zu einem Teil des Straßenbildes, das wir vorfinden: Sind wir noch Zuschauer oder sind wir bereits schon Akteure?

Ellen Bornkessels Aufnahmen zeigen die Großstadt als nächtliche Bühne für ihre Bewohner. Die architektonische Umgebung der Semperoper in Dresden bildet den Auftakt zu gleich mehreren Bildern (Das Ereignis, Der Weg, Die Kurve, Die Nachricht): ein großzügig gestalteter Platz, hell erleuchtete Fassaden und ausladende Treppenaufgänge, ganz großes Theater – die Schauseite der europäischen Monopole, Inbegriff kultivierter Architektur und städtischen Lebens. Das meiste ist jedoch spätere Inszenierung nach historischem Vorbild: Die im Krieg zerstörte Semperoper wurde teilweise schon in der Nachkriegszeit wieder aufgebaut, dann originalgetreu 1985 rekonstruiert und mit Beleuchtungsregie wirkungsvoll in Szene gesetzt.

Die Wahl dieses Ortes kann in zweifacher Hinsicht als geradezu programmatisch für Bornkessels Arbeit aufgefasst werden. Ihre Liebe gilt dem Theater, sie hat Probe und Premiere der spektakulären „Promethiade“-Triologie, die in Essen, Istanbul und Athen aufgeführt wurde, fotografisch künstlerisch begleitet. Weiterlesen

Ausstellungseröffnung Amin El Dib 9.10.11 Emmendingen

Amin El Dib Konstruktion u. Dekonstruktion

Nehmen wir einen Spiegel zur Hand – sagen wir in Größe eines Taschenbuches – und halten ihn auf Bauchhöhe gegen die Zimmerdecke gerichtet. Schreiten wir die eigene Wohnung ab, indem wir den Blick unverwandt auf den Spiegel gerichtet halten und versuchen wir, uns nur mit Hilfe des Spiegelbildes der Decke in den wohlbekannten Räumen zu orientieren: Wir bekommen das Vertraute und uns täglich Umgebende jetzt aus einer anderen Perspektive, in einer anderen Dimension zu sehen. Es ist fast ein wenig, als würden wir, das, was doch Teil unseres privaten Lebens ist, zum ersten Mal vor uns liegen sehen. Kinder mit ihrem noch experimentellen Zugang zur Welt lieben solche Perspektivwechsel – und das Beispiel mit dem Handspiegel stammt von einer Studierenden der Universität Wien, die sich angesichts einer Arbeit über den Spiegel in der Fotografie an dieses selbst erfundene Spiel aus ihrer Kindheit erinnerte. Weiterlesen

Carsten Sternberg: Bali – Beyond Paradise

11„Besonders in den Bann gezogen hat mich bei der fotografischen Arbeit stets der Augenblick, in dem man auf dem belichteten Papier die Schatten der Wirklichkeit sozusagen aus dem Nichts hervorkommen sieht“ – mit diesen Worten beschreibt der Schriftsteller W.G. Sebald in seinem Roman „Austerlitz“ die Faszination, die von den chemischen Prozessen in der Dunkelkammer ausgeht. Wie prägend solche Erfahrungen sein können, die das kurze Aufblitzen eines weltenschaffenden, demiurgischen Moments mit dem magischen Denken des Kindes verbinden, berichtet auch Carsten Sternberg, wenn er erzählt, wie er schon als Fünfjähriger dem Vater zur Hand gehen durfte, der als Hobby seine Negative zuhause selbst entwickelte. Weiterlesen

“Stillleben nach dem Exodus. Wehrkirchen in Siebenbürgen” fotografiert von Peter Jacobi

13Einführung zur Ausstellung. Ausstellung vom 6. Dezember 2009 bis 22. Januar 2010 Gasteig München

Meine Damen und Herren, lieber Peter Jacobi,
Was haben wir weitergegeben, was wollen wir weitergeben, was dürfen wir weitergeben? Peter Jacobis Fotografien schaffen für solche Überlegungen Raum. Die Frage nach Bewahren und Verschwinden ist zur Existenzfrage der Moderne geworden, und dies nicht erst seit heute. „Es steht schlecht. Man muss sich beeilen, wenn man noch etwas sehen will. Alles verschwindet“, notierte Cézanne 1905 in sein Tagebuch. Nicht nur Landschaften und Lebensformen, auch Gebrauchsgüter unterliegen dem Sog des Verschwindens und es sind oft Künstler, die als erste mit ihren Arbeiten auf drohende Verluste aufmerksam gemacht haben: Peter Handke beispielsweise reiste in den Neunziger Jahren nach Spanien, um dort nach Musikautomaten, den Jukeboxen, Ausschau zu halten, die zu diesem Zeitpunkt längst aus heimischen Gastwirtschaften verschwunden sind. Der Filmregisseur Wim Wenders dokumentierte in seinem Film „Im Lauf der Zeit“ (1976) Lichtspieltheater im Zonenrandgebiet, da das Kinosterben in den siebziger Jahren die Dorfkinos erfasst hatte. In den abrissfreudigen sechziger und siebziger Jahren schärften Bernd und Hilla Becher mit nüchtern wirkenden Fotografien das Auge für die architektonischen und plastisch-skulpturalen Qualitäten von industrieller Gebrauchsarchitektur. Bei Kirchen, die ganz selbstverständlich – ohne dass es spezieller Erklärungen oder eines besonderen Blicks bedarf, zum Kulturerbe gezählt werden, hinterlässt die Bedrohung durch das Verschwinden eine weitergehende Verunsicherung als dies bei Jukeboxen und Getreidesilos oder Wassertürmen, die von vornherein nur zu temporärem Gebrauch bestimmt sind, der Fall sein mag. Weiterlesen