Vorauseilende Botschafter

42Die ikonische Kraft von Filmstills – eine Ausstellung in der Albertina

Marilyn Monroe im tief ausgeschnittenen weissen Sommerkleid labt sich an der kühlenden Luft, die an einem heissen Tag einem Schacht entsteigt, der Luftzug wirbelt den Petticoat hoch und zeigt ihre wohlgeformten Beine – wir kennen das Bild, das, fast lebensgross neben der Tür aufgehängt, den unscheinbaren Eingang zur «Film-Stills»-Ausstellung in der Wiener Albertina zu einem lockenden Portal in die Welt des Kinos transformiert. Wie eine Säulenheilige aus dem Himmel der Filmgötter entstiegen erscheint Marilyn hier, ihr Bild wird von einem Untoten, Murnaus «Nosferatu», flankiert, dessen erotisches Aktionsfeld die schwarze Nacht ist. Auch bei diesem Bild handelt es sich, wie schon bei der Aufnahme der ausgelassenen Marilyn, um ein Filmstill.

Marilyn Monroe und Tom Ewell in Das verflixte siebente Jahr, Regie: Billy Wilder, 1954 C. Sam Shaw Inc.- licensed by Shaw Family Archives, Privatsammlung

Eine unterschätzte Aufgabe
Filmstills sind auf potenzierte Weise vorauseilende Botschafter einer durch und durch künstlichen Welt. Weiterlesen

Dahingleitende Erinnerungsorte: Das Frankreich Elger Essers

Gespeist aus der versonnenen Welt der großen Romane, der Ansichtskarten und des Fernwehs (wie es vielleicht so in den nachfolgenden Generationen nicht mehr aufkommen wird) tritt uns Elger Essers zeitenthobenes Bild von Frankreich in großformatigen Prints (Diasec Face), Heliogravüren oder nachdunkelnden Kupferplatten in der Karlsruher Kunsthalle entgegen.

Im Blow up unscharf geworden wie der verschwommene Blick durch eine abgelegte Brille, welche die aktuellen Fehlsichtigkeit unserer Augen nicht mehr korrigieren kann, sondern auf einen vormaligen Zustand ausgerichtet ist, sehen wir im ersten Raum fünf überdimensionierte Postkarten von Meeresansichten, koloriert und mit Gebrauchsspuren ihrer einstigen Besitzer. Weiterlesen

World of Malls im Wandel

Fügen Shopping Malls dem sozialen Leben eine weitere Option hinzu oder ziehen sie unweigerlich die Zerstörung unserer Innenstädte nach sich? Gehören sie zur Stadt oder sind sie nur ein glitzerndes Trugbild ehemals vorhandener städtischer Öffentlichkeit? Eine Neuorientierung beginnt sich abzuzeichnen.

Der Bau einer neuen Shopping Mall im Stadtzentrum ruft spätestens nachdem das kommerziell erfolgreiche Centro im krisengebeutelten Oberhausen zu einer sichtbaren und kaum wieder gutzumachenden Verödung der Innenstadt geführt hat, besorgte Anwohner, aber auch Stadtentwickler auf den Plan. Dialog ist durchaus in europäischen Planungsverfahren vorgesehen: Das Spektrum reicht in Deutschland von der frühzeitigen Einbindung per Bürgerbeteiligung in Köln-Ehrenfeld, wo schließlich statt eines vom Investoren geplanten Einkaufszentrums eine Schule auf Vorschlag der Stadt gebaut werden soll, bis hin zur Bürgerbefragung im italienischen Bozen. Hier soll ein städtebaulich ins Hintertreffen geratenes Gelände am Bahnhof zugunsten eines Shopping Centers umgestaltet werden, ein bedeutender städtebaulicher Eingriff. Weiterlesen

Das Wunder der Individualität

Das Porträt einer ernsthaften, jungen Frau lockt auf der Einladungskarte ins Städel: eine etwas antiquiert wirkende Schöne, heller Teint, dunkle Augen, streng gescheiteltes, braunes, wohl zu einem Dutt gefasstes Haar, die ersten grauen Fäden blitzen hervor, die Lippen sind sorgfältig geschminkt. Sie blickt nachdenklich vor sich hin. Unsere Zeitvorstellungen geraten, so wir nicht gerade Foto- oder Modehistoriker sind, bei ihrem Anblick ins Wanken: Welchem Jahrhundert gehört sie eigentlich an? Die Dame erweist sich als Pariser Comtesse, 1952 von Otto Steinert porträtiert. Zusammen mit zwei in den siebziger Jahren entstandenen Fotografien von Ludwig Windstosser (der mit einem Bild von einer Nonne vor Botticellis Venus und einer Massenszene im Stadion thematisch auf die Becherschule zu zeigen scheint), beschließt ihr Bildnis auf der Zeitachse die Frankfurter Ausstellung. Weiterlesen

Vertrautheit als Vorschule des Sehens – Harry Callahan in den Deichtorhallen

Filigrane Halme, Sonnenkreisel auf dem Wasser, die tanzenden Linien einer farbigen Neonreklame auf schwarzen Grund, mit der bewegten Kamera erzeugt und programmatisch: die Frau des Fotografen, ihr Scheitel scheint aus dem dunklen Haar auf wie ein sonnenbeschienener Weg oder eine weiße Straßenmarkierung auf Asphalt. Schon die ersten Bilder, die den Einstieg in die groß angelegte, über 280 Arbeiten umfassende Harry Callahan Retrospektive (kuratiert von Sabine Schnakenberg) in den Hamburger Deichtorhallen eröffnen, zeigen, worauf es in diesem autonomen Oeuvre ankommt: Vertrautheit, Experiment und Konzentration. Jedes Bild ist ein neu anzulegendes, mit den Mitteln der Kamera grafisch zu organisierendes Feld.

Harry Callahan (1912-1999), obwohl unbestritten einer der Großen der amerikanischen Fotografie des 20. Jahrhunderts, ist dem deutschen Publikum noch kaum bekannt. Weiterlesen

Das Optisch-Unbewusste: Miroslav Tichýs monumentales Werk

Der Balanceakt, den die Welt der Moderne ihren Bewohnern auf dem Schauplatz der urbanen Öffentlichkeit abverlangt, ist so ambivalent wie reizvoll: Man wird gesehen, fordert oder erwidert den Blick der Passanten, erhascht verstohlen fremde Aufmerksamkeit und ist stets darauf bedacht, seine Individualität zu behaupten und dabei doch die eigene Verletzlichkeit zu cachieren. Noch schwieriger als für Männer gestaltet sich das Terrain für Frauen, ist es doch historisch betrachtet noch nicht allzulange her, dass sich Frauen mehr oder weniger unbehelligt alleine auf der Straße zeigen können. Weiterlesen

Schwindelerregende Steilvorlagen

Gustave Caillebotte und die Fotografie – eine Ausstellung in der Schirn Frankfurt

Der erst spät wiederentdeckte Impressionist Gustave Caillebotte, so verdeutlicht die Frankfurter Schirn, ist ein Maler der Moderne par excellence, der das neue Sehen im Zeitalter der Fotografie erschliesst.

Das lebensgrosse Bildnis eines melancholischen Flaneurs mit Spazierstock und Zylinder begrüsst den Besucher, der gerade die Treppen zu den Ausstellungsräumen emporgestiegen ist, vorbei an einer Museumsaufnahme von Thomas Struth, die frontal eine Strassenszene von Gustave Caillebotte (1848–1894) und deren spätere Betrachter in Rückenansicht zeigt. Wer Struths Museumsfotografien kennt, auf denen bunt gekleidete Museumsgänger in Dialog oder Konkurrenz zu den Bildern stehen, betritt lieber in gedeckter Kleidung die Räume. Weiterlesen

Ein verspieltes Auge

«Malerei in Fotografie – Strategien der Aneignung» – eine Ausstellung im Frankfurter Städel zeigt, wie sich die einst schwierige Beziehung von Malerei und Fotografie in eine gemeinsame Arbeit am für Museen geeigneten Bild verwandelt hat.

Fotografen wie Maler können mit einer «pluralen» Identität als Künstler, die sich auf Kunst- und Fotografiegeschichte ebenso wie auf Filmstills oder Werbebilder beziehen können, längst umgehen. Die Frage nach den Genres stellt sich im Zeitalter der Medienkunst weniger für Publikum und Künstler als vielmehr für Museumsleute: Gehört Fotografie in ein Traditionshaus für Malerei, in ein Museum für zeitgenössische Kunst, in eigens ausgewiesene Foto- oder Medienmuseen, und kann sie, je nach Umfeld, in das man sie stellt, jedes Mal anders gesehen werden?

Die Frankfurter Schau mit dem Titel «Malerei in Fotografie – Strategien der Aneignung» (kuratiert von Martin Engler und Carolin Köchling) wirft solche Fragen und Zusammenhänge zwar auf, Weiterlesen

Späte Offenbarung: Saul Leiters Farbfotografien

49Hüte, Schirme, Schuhe, Ausblicke auf Passanten durch angelaufene Fensterscheiben, wartende Limousinen: Bemerkenswert geschlossen ist der öffentliche und zugleich intim anmutende Kosmos, in den Saul Leiters Schwarz-Weiss und Farbfotografien einführen. Das äußere Erscheinungsbild und hastige Verhalten der Teilnehmer am öffentlichen Leben im New York der späten 40 er und 50 er Jahre wirkt auf den heutigen Betrachter reglementiert. Und doch: Durch Leiters Kamera gesehen, gestatten die kleinformatigen Schwarz-Weiß Prints mit ihren ungewöhnlichen Perspektiven und Bilddiagonalen einen geradezu intimen Einblick in die weltabgewandte Seite der Betriebsamkeit. Zu Fuß in den Straßenschluchten unterwegs bleibt doch jeder für sich. Eine Offenbarung sind Leiters frühe Farbfotografien: Sie verwandeln die Straßenszenen in reine Bilder, die jeder Zeitlichkeit enthoben zu sein scheinen. Sein Rot, sei es ein lackiertes Autoblech oder durch Schnee und Regen flackernde Ampelfarbe, leuchtet mit selten gesehener Strahlkraft. Die Aufnahmen des winterlichen New York lösen indes fast romantische Sehnsüchte aus: Von Schneeflocken umtanzt könnten die Passanten allesamt auf dem Weg nach Hause sein. Saul Leiter scheint in seinen später vom Dia abgezogenen Farbprints noch um vieles mehr Maler zu sein als in seiner ebenfalls gezeigten abstrakt expressiven Malerei. Leiter hat bis Anfang der 80 er Jahre für Magazine wie „Harper’s Bazaar“ gearbeitet, reduziert in Szene gesetztes Straßentreiben dient auch als Prospekt seiner Modeaufnahmen. Eine anrührende Hommage hat Saul Leiter seiner Lebensgefährtin, der Malerin Soames Bantry, in einem kleinen, selbst kuratierten Kabinett gewidmet, es zeigt das Zwiegespräch der beiden in der Wahl der Sujets und Farben. Der Hamburger Retrospektive (kuratiert von Ingo Taubhorn und Brigitte Woischnik), die das spät rezipierte Werk des inzwischen 88 jährigen Künstlers erstmals nach Deutschland holt, gelingt es, den großen Bogen zu schlagen: vom Maler, als der sich Leiter zeitlebens verstanden hat zum großen Farbbildfotografen, dessen Werk noch weiter zu entdecken ist.

Ausstellung in den Deichtorhallen Haus der Photographie Hamburg bis 15. April 2012, Katalog 49 €

zuerst erschienen: Neue Zürcher Zeitung 17. März 2012

Hiroshi Sugimoto: Konzept und Imagination

24Die K20 Kunstsammlung in Düsseldorf zeigt eine Retrospektive des in den Vereinigten Staaten lebenden japanischen Fotografen Hiroshi Sugimoto – eine Reflexion über das sichtbare und das unsichtbare Bild.

Wie mit weit ausgebreiteten Armen empfängt und umschließt im Erdgeschoss der Düsseldorfer Ausstellungsräume des K20 Sugimotos großformatige Schwarz-Weiß-Folge mit Aufnahmen von der See den Betrachter. Eine Stellwand ist in sanftem Schwung in den ansonsten leeren Raum eingezogen, gezeigt werden 13 Ansichten von „Seascapes“: Wasser, Horizontlinie und Himmel, der scheinbar immer gleiche Ausschnitt in minimaler Variation, eisgrau bis metallisch glänzend – sonst nichts. Gerade diese Reduktion auf das Elementare, das die Begegnung mit dem Meer für den Landbewohner zu einer philosophischen Erfahrung werden lässt, überwältigt den Besucher. Muss er doch Altstadt und Verkehrslärm erst einmal hinter sich lassen, um sich mit Bildern zu beschäftigen, mit denen zum Gegenstand der Reflexion wird, was das Medium Fotografie seit je evoziert: das sichtbare und das unsichtbare Bild. Aufhellen und Verdunkeln, Aufblitzen und Verlöschen, Nachbildung und Modulation der Welt, das sind die großen, dialektisch ineinander verwobenen Themen, um die Sugimotos Bildserien kreisen. Weiterlesen