Treibhäuser der Ideen

Niklas Maak beschreibt gesellschaftliche Utopien von Architekten, Johanna Diel setzt sie betörend schön ins Bild

Gebaute Gesellschaftsutopie mit schon in die Jahre gekommenen Materialien, aber immer noch von einem Hauch savoir vivre und liberté durchzogen, so ließen sich die Wohnkugeln, aufblasbaren Formationen und Terrassenhäuser aus den Sechziger und Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts im philosophisch diskutierfreudigen und seinerzeit vehement der Zukunft huldigenden Frankreich beschreiben. Zwischen ständig im Umbau begriffen und bereits Ruine bewegen sich die Wohnvisionen, die Niklas Maak in seinem gemeinsam mit der Fotografin Johanna Diel herausgegeben Buch „Eurotopians“ den Nachgeborenen nahe bringt. Weiterlesen

Fotobuch »Reflecting Pools« von Christina Werner

Healing New York – im Widerstreit der Zeichen

Für das Abwesende eine Form zu finden, die das historisch Einzigartige eines schrecklichen Ereignisses fassen kann und die sich doch gegenüber ästhetischen Zeitvorlieben, mit denen schon die nachfolgende Generation nichts mehr anzufangen weiß, maßvoll zurückhält, ist die schwierige, oft kaum einlösbare Aufgabe von Memorials. (…)

Als besonders schwierig und konfliktträchtig erwies sich vor dem Hintergrund widerstrebender Interessen die städtebauliche Gestaltung des Geländes von Ground Zero: Bei der Attacke von 9/11 auf das World Trade Center in Manhattan waren fast 3000 Menschen getötet worden, traumatisierende Filmbilder der angreifenden Flugzeuge und ein verwüstetes Gelände voll Schutt und Staub hatten sich tief ins kulturelle Gedächtnis eingeprägt. (…) Weiterlesen

Stadtentwicklung Frankfurt. Kann man Banken lieben?

46Frankfurt am Main zählte vor dem Zweiten Weltkrieg zu den schönsten Städten in Deutschland: Eine mittelalterliche Altstadt mit spitzgiebligen Dächern und Gründerzeitquartiere prägten das Stadtbild. Heute verbindet man mit Frankfurt die wachsende, himmelstürmende Skyline und begreift die Stadt als durch und durch modern. Kriegsschäden und die achtlose Abrisspolitik der Nachkriegsjahrzehnte ließen nur noch wenige historische Bauten übrig. Hierin teilt Frankfurt das Schicksal vieler anderer deutscher Städte.

Ältere Frankfurterinnen und Frankfurter müssen auf ferne Kindheitserinnerungen zurückgreifen, um sich an den Vorkriegszustand des in Trümmer gelegten Altstadtviertels zu erinnern. Jüngeren Stadtbewohnern und Besuchern Frankfurts steht neben überlieferten historischen Fotografien ein idyllisch anmutendes Stadtmodell der Brüder Treuner im Maßstab 1:200 zur Ansicht. Es wurde vor dem Krieg begonnen, aber erst danach fertiggestellt und befindet sich im Besitz des Historischen Museums.

Vor einigen Jahren setzte ein sehr zeitspezifisches Revival des verlorenen historischen Zentrums ein. Weiterlesen

World of Malls im Wandel

Fügen Shopping Malls dem sozialen Leben eine weitere Option hinzu oder ziehen sie unweigerlich die Zerstörung unserer Innenstädte nach sich? Gehören sie zur Stadt oder sind sie nur ein glitzerndes Trugbild ehemals vorhandener städtischer Öffentlichkeit? Eine Neuorientierung beginnt sich abzuzeichnen.

Der Bau einer neuen Shopping Mall im Stadtzentrum ruft spätestens nachdem das kommerziell erfolgreiche Centro im krisengebeutelten Oberhausen zu einer sichtbaren und kaum wieder gutzumachenden Verödung der Innenstadt geführt hat, besorgte Anwohner, aber auch Stadtentwickler auf den Plan. Dialog ist durchaus in europäischen Planungsverfahren vorgesehen: Das Spektrum reicht in Deutschland von der frühzeitigen Einbindung per Bürgerbeteiligung in Köln-Ehrenfeld, wo schließlich statt eines vom Investoren geplanten Einkaufszentrums eine Schule auf Vorschlag der Stadt gebaut werden soll, bis hin zur Bürgerbefragung im italienischen Bozen. Hier soll ein städtebaulich ins Hintertreffen geratenes Gelände am Bahnhof zugunsten eines Shopping Centers umgestaltet werden, ein bedeutender städtebaulicher Eingriff. Weiterlesen

Beiläufiges Wohnen, flüchtiges Passieren: Betrachtungen zur Peripherie


Wo endet die Stadt, und wo genau beginnt die Peripherie? Inzwischen tragen nicht mehr zum historischen Zentrum zählende oder zu bürgerlichen Quartieren mit älterer Bausubstanz gehörende Wohnbezirke viele Namen: Im deutschen Sprachraum ist die Rede vom Stadtrand, von Agglomeration, Siedlung, Zwischenstadt oder Vorort. Häufig sind diese Vorstädte oder in der Stadt sich ausbreitenden Bereiche, die beiläufig bewohnt werden  –  selbst wenn man eine lange Zeitspanne seines Lebens dort verbringen sollte   – ,  mit dem Vorzeichen des Austauschbaren und Banalen versehen. Schon nach einiger Zeit kann ihnen der Ruch des sozialen Abstiegs, oder gar der Ruf des sozialen Brennpunkts anhaften. Solche Gegenden sind indes durchaus ein Thema für Fotografen, ja sie werden gerade hier nicht nur als Zeitzeugen, sondern als visuelle Spezialisten für übersehene und schnell verbrauchte Stadtlandschaften benötigt. Bilder von einer durch und durch gewöhnlichen Umgebung zu schaffen ist keine leichte Aufgabe. Und so entsenden Lehrende die Studierenden ihrer Fotoklassen auch heute immer wieder einmal hinaus in die Peripherie ihres jeweiligen Hochschulstandortes oder ihrer Heimatstadt – so wie bereits die Bechers und vor ihnen schon Otto Steinert ihre Fotoschüler ins Ruhrgebiet schickten. Weiterlesen

Wo endet die Stadt, wo genau beginnt die Peripherie?

Im Heft EIKON 93 (International Magazine for Photography and Media Art), erschienen in Februar 2016, stehen „Betrachtungen zur Peripherie“ im Fokus.

Wo endet die Stadt und wo genau beginnt die Peripherie? Inzwischen tragen nicht mehr zum historischen Zentrum zählende oder zu bürgerlichen Quartieren mit älterer Bausubstanz gehörende Wohnbezirke viele Namen: Im deutschsprachigen Sprachraum ist die Rede vom Stadtrand, von Agglomeration, Siedlung, Zwischenstadt oder Vorort. Häufig sind diese Vorstädte oder in der Stadt sich ausbreitenden Bereiche, die beiläufig bewohnt werden, selbst wenn man eine lange Zeitspanne seines Lebens dort verbringen sollte, mit dem Vorzeichen des Austauschbaren und Banalen versehen. Schon nach einiger Zeit kann ihnen das Verdikt des sozialen Abstiegs, oder gar der Ruf des sozialen Brennpunkts anhaften. Solche Gegenden sind indes durchaus ein Thema für Fotografen.

Der von mir kuratierte Beitrag stellt einige neuere Arbeiten von Fotografen vor, die sich damit auseinander setzen (Daniel Stemmrich, Jean Claude Mouton, Joachim Schumacher, Daniel Müller Jansen, Margherita Spiluttini, Robert Harding Pittman, Joachim Hildebrand und Gerhard Vormwald).

Die feinen Unterschiede

Der differenzierte Blick auf die Architektur der Ostmoderne im Fokus der Fotografie

(folgender Text basiert auf einem Vortrag, den ich am 05.12.2015 auf einer Tagung der Deutschen Fotografischen Akademie in Leipzig gehalten habe.)

Architektonische Relikte westlicher Schwerindustrie erfuhren in den letzten Jahrzehnten Aufmerksamkeit, Anerkennung und Pflege. Wie ein Blick auf den produktiven Umgang mit stillgelegten Zechen im Ruhrgebiet oder auch auf die Völklinger Hütte im Saarland zeigt, halten solch übrig gebliebene Anlagen, vor dem Verfall bewahrt und museumspädagogisch begleitet, auch die Erinnerung an untergegangene Produktionsformen wach: Die Lebensbedingungen im Maschinenzeitalter waren hart, aber die Arbeiten und Apparaturen selbst noch anschaulich und in ihren Abläufen im Großen und Ganzen zu begreifen. Funktionale, im neunzehnten Jahrhundert aber durchaus auch sehr repräsentative Industriebauten, zeigen eine eindrucksvolle Spannweite archtitektonischer Vielfalt, auch wenn man mit ihnen bei rauchenden Schloten nicht unbedingt ihre eigenwillige Schönheit und eindrucksvolle Wucht verband, sondern in erster Linie Schwerarbeit, Lärm und Schmutz. Weiterlesen

Der Corviale lebt!

Im Vordergrund wird eine Rasenanlage mit einer zottigen Schafherde beweidet, rechts und links beschneidet der Bildrand bei einem der Tiere den Kopf, bei den anderen Rücken und Hinterläufe. Ein einzelnes Schaf trottet in der Mitte, während am Horizont ein langgestreckter Flachbau einen Riegel bildet. Hellblau, mattes Grün, verhaltenes Grau sind die Farben, während ein sonnengelber Längsstreifen den Buchrücken markiert: „Corviale“ heißt in denkbarer Schlichtheit das Fotobuch des Österreichers Otto Hainzl der sich dem Leben innerhalb der archtektonischen Vorgaben des riesigen, am Stadtrand von Rom gelegenen Wohnkomplexes widmet. Weiterlesen

Claudia Fritz: Gerahmte Transparenz

Temporäre Einblicke in fremde Welten können unverhoffte Glücksmomente verschaffen, flüchtig wie ein Schattenwurf, der sich auf einer Häuserwand abzeichnet, die Spiegelung einer Straßenszene in einer Fensterscheibe, der Anblick von ruhend ausgestreckten Beinen in Strumpfhosen, deren Rippenmuster mit den breiten Stufen einer Treppenanlage korrespondiert.

In ihren gebauten Proportionen bietet gerade die moderne Stadt mit gelenkten Verkehrsströmen, öffentlichen Parks, Geländern und Brüstungen, aber auch mit Durchsichten zwischen Hochhäusern und Bürotürmen, ein Raster von geometrischen Strukturen, deren Anblick sich je nach Position des Betrachters ein wenig verschieben mag. Mit Leben erfüllen Bewohner und Passanten die bereit gestellte Infrastruktur: Sie folgen den architektonischen Vorgaben verdrossen, zerstreut oder ausgelassen. Oft aber bespielen sie die gebaute Welt doch ganz anders als ursprünglich vorgesehen. Jahreszeiten und Lebenssituation spielen dabei eine Rolle: Regenwetter oder die erste Frühlingssonne setzen ein anderes Licht, städtische Brachen entstehen, junge Studenten bewohnen öffentliche Plätze ungezwungener als vom Alltag zermürbte Berufstätige.

© Claudia Fritz: Urbanfictions-1

Dieses urbane Kräftespiel ordnend ins Bild zu setzen, bedarf es gleichermaßen einer Kamera, die das pulsierende Geschehen im Zweidimensionalen des Bildes für unser Auge plausibel zurecht rückt, wie eines analytischen, ja ethnologischen Blickes, der das Zusammenwirken von Architektur und Bewohnern als Ausdruck eines spezifisch-zeitgenössischen Lebensgefühls zu begreifen sucht. Weiterlesen

Die feinen Unterschiede: Architektonische Zeugen der Ost-Moderne zwischen Totsanierung und sorgsamer Archivierung

Über Jahrzehnte hinweg galten die architektonischen Zeugen der Ostmoderne hinsichtlich ihres ästhetischen Anspruchs als eintönig und trist. Das Interesse an ihnen erwachte spät. Heute scheint das gewichtigste Argument für den Erhalt der Bauten ihr drohendes Verschwinden zu sein.

Architektonische Relikte der Schwerindustrie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts erfahren im Westen als „Anonyme Skulpturen“ in den letzten Jahrzehnten Anerkennung und Pflege. Sie halten vor Ort die Erinnerung an untergegangene Produktionsformen und die funktionale Vielfalt von Industriebauten wach, mit denen man im laufenden Betrieb in erster Linie Schwerarbeit und Umweltverschmutzung verband. Fotografen wie Bernd und Hilla Becher waren es, die im großen Maßstab, mit langem Atem und systematischem Vorgehen das Auge schulten. Auch nüchterne Zweckbauten, so lernte man beim Vergleichen ihrer zu Tableaus angeordneten Bildfolgen, unterscheiden sich in ihren gestalterischen, funktions- und standortbedingten Varianten. Trotz dieser Vorschule der Aufmerksamkeit scheint sich auch im Fall der Ostmoderne zu wiederholen, was mit der lange ausgebliebenen, schließlich aber doch einsetzenden Wertschätzung für die Industriedenkmäler, einen Vorläufer fand. Recht verspätet, Weiterlesen