Valérie Wagner: Der leere Himmel

Selbstverständlich ist uns in unserem eigenen Umfeld so vieles inzwischen nicht mehr: Gesunde, schattenspendende Bäume, Insekten, sie allerdings vermissen wir je nach Art oft nur aus rationalen Erwägungen – und nicht zuletzt: Singvögel, einheimische- und Zugvögel. Gezwitscher, Unbekümmertheit, Anmut verbinden wir mit ihnen, ein wenig Fernweh und den Wunsch zu Fliegen. Letzteren hat sich die Menschheit in Schwärmen erfüllt, mit für das Klima und die echten Vögel fatalen Folgen. Die in Hamburg lebende Fotografin Valérie Wagner hat Vogelformationen am abendlichen Himmel fotografiert, ein wenig gespenstisch muten sie an, als könnten sie nur noch in unseren Träumen vorkommen und wie ein Alptraum erscheint ihr sang- und klangloses Verschwinden. Aufgenommen wurden die Vögel 2018 auf wenig besiedelten „Zufluchtsorten“ wie Helgoland und der Insel Neuwerk im Wattenmeer, sowie in Mecklenburg. Das vierteilige Projekt „Der leere Himmel“ konfrontiert in einem weiteren Werkkomplex die Betrachter dann jäh mit der vollendeten Zukunft: Wir sehen, von der Seite aufgenommen, wehrlos auf dem Rücken liegende Vögel, wie gerade aus dem Leben gerissen, mit schönen, klug blickenden Augen und prächtigem Gefieder. Sie sind ausgestopft und werden zu Lehrzwecken gezeigt. Valérie Wagner hat sie im Centrum für Naturkunde an der Universität Hamburg und im Norddeutschen Vogelmuseum fotografiert.

Vor gleißend weißem Hintergrund freigestellt, ohne museale Einbettung wirkt das wie ein Schock. Wir würden die schutzlosen Wesen, die an unseren Nesthegetrieb appellieren, gerne aus ihrer misslichen Lage aufhelfen und so es nicht schon zu spät wäre, sie aufpäppeln. Der dritte Teil des Projekts zeigt kunstvolle Nester im Stadtgebiet. Zuerst ist die Kamera auf das Nest in der Baumkrone gerichtet, dann enthüllt sie von oben das für Vögel unwirtliche Umfeld inmitten von Autos und zugepflasterten Freiflächen. Der vierte Teil, der hier nicht zu sehen ist, zeigt Menschen mit ihren Lieblingsvögeln im Profil, die miteinander Zwiesprache zu halten scheinen.

zuerst erschienen in Photonews Nr. 9/20 – September 2020

Die Veröffentlichung der Bilder erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Fotografin. https://valeriewagner.de/

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