Helen Levitt in der Albertina: Mythos der Straße

Geselliges Leben vor der Haustür, das auf einer ins Hochparterre führenden Treppe oder dem Gehweg stattfindet, Schwarze und Weiße, Einwanderer, rauchende, spielende oder wie in einem ausgelassenen Tanz miteinander kämpfende Kinder: Helen Levitts Schwarzweißaufnahmen aus dem New Yorker Harlem der frühen 1940er Jahre haben sich tief ins fotografische Bildgedächtnis eingeschrieben. Auch wenn die Lebensumstände, wie der heruntergekommene Putz auf den lädierten Fassaden im Hintergrund zeigt, denkbar rau sind, scheinen die New Yorker auf Levitts Bildern ungebrochen Selbstbewusstsein zu zelebrieren. Sie sind die zeitenthobenen Götter der Straße, auch dann noch, wenn sie sich den Menschen in Gestalt verarmter Straßengrößen, als Betrunkene oder in Gestalt von mit Halloween-Masken bewehrten Kindern zeigen.

Und Gottheiten dürfen, wie die drei verdrossen dreinblickenden Schönen, die vor einem Hauseingang zu warten scheinen, durchaus auch einmal mit den Menschen zürnen. Levitts Straßenszenen aus dieser Zeit wurden, wie der mit ihr befreundete Walter Evans es formulierte, als zutiefst „antijournalistisch“ und surrealistisch erkannt. Levitt setzt einen New Yorker Mythos der Straße ins Bild, der von seinen Bewohnern verlangt, über ihr Gebiet zu herrschen, wie klein und trostlos es auch immer sein mag. Der Schriftsteller Louis Aragon hatte Mitte der 1920er Jahre für die zerfallende Pracht der Paris Passagen die mythische Qualität der in die Jahre gekommenen „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ gefeiert – Levitt unternimmt dies für den New Yorker Melting pot zu Zeiten der wirtschaftlichen Depression.

Die Fotografin hat den Mythos der New Yorker Straße auch ein Stück weit gemeinsam mit den von ihr fotografierten Bewohnern geschaffen. Sie arbeitet nicht im Verborgenen. Kontaktabzüge zeigen: Man kommuniziert miteinander, manche Szenen wurden ausprobiert, Posen variiert. Und so wird nebenbei auch eine Fehlannahme zurechtgerückt: Was wir hier vor uns haben ist zwar gesehen und gefunden, aber nicht zwingend spontan. Die Fotografin war zwar „zur Stelle“, aber sie war es keineswegs intuitiv-unbedarft, sondern sie bewegt sich dezidiert innerhalb der intellektuellen Diskurse ihrer Zeit.

Die umfangreiche Helen Levitt Schau in der Wiener Albertina kann auf eigene Bestände und Archivleihgaben aus New York zurückgreifen und Kontaktbögen und Probedrucke heranziehen. So wird deutlich, nach welchen visuellen Kriterien Levitt einen Bildausschnitt festlegte oder eine Szene aus Bildfolgen auswählte. Sie komponiert präzise nach Maßgabe von Bildlinien und genau austarierten Flächen. So können die Gesten und Gebärden, die ihren Bildern stumme Eindringlichkeit verleihen, ihre Wirkung entfalten. Schön zeigt dies ein finster blickendes Mädchen im schwarzen Kleid, das eine weiße Lilie vor sich her trägt. Auf einem Probedrucke hielt sie, das Gesicht abgewendet, die Blume nach unten, auf dem letztlich ausgewählten Abdruck, nach oben: Diese Geste bannt den Betrachter. Gezeigt wird auch ein von Levitt (u.a. mit James Agee) gedrehter Schwarzweißfilm „In the street“ (1948) sowie eine von ihr selbst zusammengestellte Diashow mit rund achtzig Farbaufnahmen aus dem so ganz anderen New York der 1970er Jahre. Diese Kombination ist ein Glücksfall für die BetrachterInnen, denn so kann Levitts Pionierwerk seine bis heute ungebrochene visuelle Kraft entfalten – Levitt schuf nicht nur mit ihren Schwarzweißaufnahmen Ikonen der Streetphotography, sie gehörte auch zu den Ersten, die Ende der 1950er bis Anfang der 1980er Jahre das Arbeiten mit Farbe als einen ästhetischen Lernprozess begriffen. Vor allem der Umgang mit Fläche und Form verändert sich, Kompositionsregeln der Schwarz-Weißfotografie müssen neu überdacht werden, da die Farbe Aufmerksamkeit anders auf sich zieht und gewichtet. Man gelangt indes erst am Ende der Schau zu den Farbfotografien, nachdem man die frühen Arbeiten in den ersten Räumen betrachtet hat. Je tiefer man dort in ihren Bildkosmos eingedrungen ist, über den Stephen Shore in „The Nature of Photographs“ schreibt, sie zeigten das „jazzige New Yorker Straßenleben der 1940er Jahre“, desto greller, ja lärmender wirken zunächst die ersten Farbprints in den beiden letzten Räumen. Das Surren und Klacken der rotierenden Dias im letzten Raum indes arbeitet dem merkwürdigerweise entgegen, die farbige Welt wird heruntergedimmt und wir erkennen die Veränderungen: Menschen werden vermehrt bei der Arbeit und im Kontrast zu allgegenwärtigen Reklamebildern gezeigt.

Straßenfotografie als kritische Kunst verstanden, betreibt visuell Ethnographie, Feldforschung auf eigentlich als bekannt vorausgesetztem Gelände und in der eigenen Kultur. Walter Moser zeigt in der von ihm kuratierten Ausstellung Helen Levitt als Fotografin, die sowohl eine intime Kennerin des Stummfilms und filmischer Schnitttechniken ist, als auch dezidiert künstlerische Positionen ihrer Zeit vorantreibt.

Die Ausstellung dauert bis 27.1.19

zuerst veröffentlicht in: Photonews Zeitung für Fotografie Nr. 12/18-1/19 Dezember 2018/ Januar 2019

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