Wind in Sicht: Windenergie, eine neue Ära wird besichtigt

Ein historisches Schiff mit geblähten Segeln gleitet an einem schmalen, in die Höhe ragenden, strahlend weißen Windrad vorüber, das stolz und frei seine Flügelrotatoren dem Wind entgegen zu recken scheint. Im Bildhintergrund schmiegt sich ein Städtchen mit Kirchturm ans Ufer. Der Himmel ist blau, von kleinen Wolken durchzogen – das Coverbild von Ulrich Mertens Buch „Wind in Sicht“ verbindet Vergangenheit und Zukunft.

Ulrich Mertens hat eine Art Expedition durch Deutschlands Landschaften im Zeichen der Windenergie unternommen, um innerhalb eines Zeitraums von zehn Jahren die neue Ära zu begleiten: Dazu besuchte er Windenergieanlagen quer durch die Republik, baut als Fotograf berufliche Kontakte zum Bundesverband Windenergie auf, zu Anlagenbetreibern und Arbeitskreisen.

Heutige Windräder ragen als schmal proportionierte Riesen in die Landschaft, ja durchziehen sie geradezu. Manch einem erscheint dies als bedrohlich anmutender Aufmarsch und Fremdkörper im vertrauten und lieb gewonnenen Landschaftsbild. Rein gestalterisch versuchen die Kolosse möglichst schlicht und belanglos daher zukommen, zumindest aus der Ferne betrachtet, auch wenn sie sich aufgrund der schieren Masse und der Häufigkeit ihres Auftretens nicht wirklich zurücknehmen können. Tun Betreiber und Designer gut daran, sie einfach da abzustellen, wo die praktischen Voraussetzungen es zulassen? Zugewiesen wird den Windenergieanlagen, die viel Fläche benötigen, in der Regel das, was an Standorten übrig bleibt, wenn Abstandsvorschriften und Eigentumsverhältnisse in oft zähem Ringen mit den unmittelbar Betroffenen geklärt sind. Wir haben es mit neuer, cleaner Industriearchitektur zu tun, der es nicht um ein heroisches, sondern trotz ihrer Lautstärke im laufenden Betrieb, um ein gegenüber Kohle und Atomkraftwerken lakonisch-sanftes Image zu tun ist. Dennoch stellt sie für viele ein Ärgernis dar, erscheint als unzulässiger Eingriff in das, was von unseren Landschaften nach der Industrialisierung und Zersiedelung noch übrig geblieben ist. Geliebt werden die hochtechnisierten Windräder, Nachfahren der idyllisch anmutenden Windmühlen bis heute nicht. Im Gegenteil, trotz Energiewende und Klimaerwärmung häufen sich Einsprüche, Bedenken und Widerstand von Anwohnern.

Mit seinem umsichtigen Projekt, das durch begleitende Aufträge und mit privater Subskription und Sponsorenhilfe für das Buch ermöglicht wurde, versucht Ulrich Mertens eine langfristige visuelle Bestandsaufnahme der Veränderungen vorzunehmen.

Ausgangspunkt war die Idee, die Maschinenräume der Gondeln selbst zu besteigen und oben angelangt, durch eine Luke zu klettern, um eine Panoramakamera aufzustellen und so systematisch die Landschaft aus der Vogelsperspektive abzufahren. Mit diesem Impuls folgt Mertens nicht nur einem seriellen Konzept, sondern auch einem jahrhundertealten europäischen Topos der Naturbetrachtung. Seit der frühen Neuzeit bietet der Blick von oben, eine gerne eingenommene Position, um das Geschaute zu gliedern, einzuordnen und zu bändigen. Im Fall von Windanlagen bedarf das heute ganz prosaischer Genehmigungen, einer Sicherheitsausrüstung, Gesundheitschecks und speziellen Höhentrainings sowie eines Begleiters, um sich im Falle eines Falles gegenseitig von der Leiter retten zu können. Verändert sich der Blick auf die Landschaft, wenn man hier oben steht, von der Höhe und der freien Sicht ein wenig berauscht? – Nun, bei Mertens dient er ganz dezidiert der Absage an die Vorstellung, dass es sich bei unseren Landschaften um ursprüngliche Natur handeln könnte: „Die Aufnahmen geben wieder, was ich von meinem Standpunkt in der Höhe sehe. Selten offenbart sich dort unten unberührte Wildnis. Fast überall ist der Einfluss des Menschen zu erkennen. In Bahntrassen und Straßen, in flurbereinigten Agrarflächen, in Industrie- und Hafenanlagen“, schreibt er im Vorwort. Und, wie er im Gespräch sagt, es ist für ihn ein Blick in die Zukunft. Mertens ist bestens vertraut mit den erloschenen Industrielandschaften des Ruhrgebiets, er hat den Niedergang der Zechen fotografisch begleitet.

Heutige Windanlagen sind nüchtern betrachtet, erst einmal nichts anderes als Produktionanlagen, die von Menschen aufgestellt, gebaut und gewartet werden, damit sie den steigenden Energiebedarf decken. Man sieht deshalb in Mertens Buch Panoramaaufnahmen, die mit genauen Geokoordinaten aufwarten, aber ohne Aufnahmedatum sich nicht in einen historischen oder fotografiegeschichtlichen, sondern eher in einen langfristigen kartographischen, planerischen Kontext einfügen. Aber auch Monteurinnen und Techniker, denen er während seiner Tätigkeit begegnet, werden beim Aufbau und konzentrierter Wartungsarbeit gezeigt. Maßstab ist hier der Mensch und man erkennt die gewaltige Dimension eines Windrades, beispielsweise beim Zug des Rotatorsterns und es wird klar, worum es hier wirklich geht: die Nutzung einer elementaren Kraft. Panoramenaufnahmen aus der Höhe, Einblicke in Arbeitsabläufe und Maschinenräume, aber auch, die profane Sicht, die sich vom Boden bietet, jahreszeitlich wechselnde Stimmungen, Nachtaufnahmen bestimmen die Spannweite der auf einen langen Zeitraum angelegten Beschäftigung. All das führt dazu, die Windanlangen nicht mehr länger als Fremdkörper zu begreifen, sondern als uns zunehmend vertrauter werdender Bestandteil unserer Kulturlandschaften. Ob heimische Windräder jemals zur Identifikation taugen werden, wie Deiche, Wasser, Fernseh- oder Leuchttürme? Für wieviele Generationen müssen sie als selbstverständlich und immer schon den Ort beschreibend gelten? Es dauert seine Zeit, bis man Landschaft nicht als natürlich, sondern als kulturell entstanden, anzuerkennen bereit ist. Bereits in den Sechziger und Achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde von Wissenschaftlern und Fotografen in den USA für ein neues Landschaftsverständnis geworben. Industrielle und landwirtschaftliche Nutzung, Infrastruktur und Umgestaltung werden hier nicht als Eingriff von außen in unberührte Natur, sondern als der Landschaft ebenso zugehörige Formungsprozesse begriffen wie dies zum Beispiel bei tektonischen und erdgeschichliche Gegebenheiten der Fall ist. Um so mehr gilt es, sich darüber Gedanken zu machen, wie wir unsere Landschaften gestalten wollen. Im Falle der Windräder könnte es darum gehen, wie dies zum Beispiel der „Arbeitskreis ästhetische Energielandschaften“ propagiert, Windanlagen bewusster zu platzieren und durch sie, ähnlich vielleicht den Landmarken im Ruhrgebiet, die Besonderheiten einer Landschaft zu unterstreichen. Hier wird von Formationen in „Bögen“ oder „Bouquets“ gesprochen, in Frankreich gibt es derlei Ambitionen Landschaft zu rhythmisieren. Mertens Projekt, im Buch mit Essays von Landschaftsplanern begleitet, das auch eine ab September 2018 in Hamburg beginnende Wanderausstellung vorsieht, trägt dazu bei, Landschaft nicht als unvergängliches Naturbild sondern als Spiegel gesellschaftlichen und industriellen Wandels zu betrachten.

Ulrich Mertens, Wind in Sicht – Landscape in Transition. Eifelbildverlag. Edition Bildperlen. 39,90 €

zuerst veröffentlicht in: Photonews Zeitung für Fotografie Nr. 2/18 Februar 2018

Wind in Sicht – Landscape in transition

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