Die Knochen sehen: Blinde in der Fotografie, ein neues Bewusstsein?

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Betrachtet man historische Aufnahmen, die Blinde zeigen, befällt einem Unbehagen. Auf einer frühen Aufnahme von Paul Strand „Blind Woman“ aus dem Jahr 1916 zum Beispiel sehen wir den Kopf einer älteren, ärmlich gekleideten Frau, frontal vor einer schäbigen Wand aufgenommen. Ihr eines Auge ist geöffnet und sieht gesund aus, beim anderen ist der Augapfel nach innen verdreht. Um ihren Hals baumelt ein Schild, auf dem nur ein einziges Wort steht „Blind“. Ähnlich eine Fotografie von Lisette Model aus den Dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts: Ein grimmig ausschauender Herr sitzt auf einem Hocker vor einer Plakatwand und präsentiert ein Schild mit der Aufschrift „Aveugle“. Blinde wie Betrachter scheinen in ihrer je eigenen Welt isoliert zu sein, die unselige Bettelsituation wirkt wie ein Bann. Schon Dante hat in der Commedia, beim Gang durchs Purgatorio, die ungleichgewichige Situation zwischen Sehenden und blinden Bettlern beklagt: „Mir schien als täten wir im Gehen unrecht, wenn wir sie sahn, ohne dass sie uns sehen.“

© Sonia Soberats



Jede Faser des Leibs
Eine berühmte Fotografie von André Kertész, auf der ein blinder Straßenmusikant beim Spiel zu sehen ist (1921), eröffnet hingegen eine ganz andere Dimension: Hingegeben an seine Musik musiziert der Geiger auf einer ungepflasterten, gestampften Dorfstraße, auf der man die Fahrrinnen eines Wagens noch erkennen kann. Das konzentrierte Spiel, des Geigers, der Ausdruck seines Körpers verschönt sein versunken lauschendes Gesicht. Ein kleiner barfüßiger Junge steht neben ihm, ein Kleinkind läuft auf die beiden zu und Kertész würdigt mit seiner Aufnahme vor allem eines, die Kunst des Virtuosen, dessen Spiel er bewundert: „Wenn er in London, Paris oder in Berlin geboren worden wäre, hätte er ein exzellenter Musiker werden können.“ Roland Barthes hingegen erkennt, ausgehend vom Bild des Geigers und den Kindern, wie er schreibt, „mit jeder Faser meines Leibs die kleinen Ortschaften wieder“, die er vor langer Zeit in Ungarn und Rumänien passiert hatte. Kertész‘ Fotografie erscheint wie ein Inbegriff vergangener Erfahrungen auf Reisen, der Boden mit der gestampften Erde lässt sie schlagartig aufscheinen. Damit hat Barthes en passant auch die besondere Raumwahrnehmung eines Erblindeten in ein so zartes, wie eindringliches Bild gefasst: Jede Faser des Leibs ist empfänglich, um akustische oder Bewegungseindrücke im Raum aufzunehmen und damit innere Bilder auszugestalten.

© Pete Eckert

© Bruce Hall


Pete Eckert, ein spät erblindeter amerikanischer Fotograf, der mit Mehrfachbelichtungen arbeitet, so dass seine Figuren manchmal den Eindruck erwecken, als sei ihr Skelett durchsichtig geworden, hat diese Verdichtung von Erfahrungen mit einem vergleichbar eindringlichen Bild wie Barthes geschildert. „Das Seltsame bei mir ist, dass ich meine Knochen sehe. Je gesünder ich bin, desto intensiver. (…). Wenn ich meine Hand zu mir wandte, war es fast, als ob ein helles, warmes Licht strahlte. Ich gewinne mein Bild durch andere Sinne“, erklärt Pete Eckert gegenüber Frank Amann, der in einem wunderbar rhythmisch konzipierten Film (Shot in the Dark, uraufgeführt Januar 2017 http://www.shotinthedark-film.com/) drei spät erblindete amerikanische Fotografen (Pete Eckert, Bruce Hall und Sonia Soberats) bei ihrer künstlerischen Arbeit begleitet. Weshalb aber wählen Blinde ausgerechnet ein zutiefst dem Visuellen verhaftetes Medium für ihre künstlerische Arbeit? Ein blinder Fotograf klingt das nicht nach einer paradoxen Situation?

Ein anderes Bildverständnis
Nach jüngerer Forschungslage bilden Blinde tatsächlich weitreichende Fertigkeiten aus. Dies geschehe durch eine Reorganisation der Verarbeitung von Außeneindrücken, die durch Tasten und Hören erzielt werden. Aktuelle künstlerische Projekte tragen dem Rechnung.
Der Berliner Fotograf Karsten Hein beschreitet mit seinem Projekt die „Schönheit der Blinden“ zum Beispiel neue Wege: Modedesigner entwerfen Kleider mit Stickereiapplikationen in Braille-Schrift, Blinde fungieren als Models, die sich zur Aufnahme durch den Fotografen zur Verfügung stellen. Die berührenden Aufnahmen zeigen ganz in ihrem Erleben aufgehende Gesichter, ein wunderbarer Gegensatz zum kühlen Unbeteiligtsein des professionellen Mannequins.

Und wie arbeiten blinde Fotografen, zeichnet sich auch hier ein neues Selbstbewusstsein ab? Nachdem Evgen Bavcar bereits in den Neunziger Jahren ein Buch über seine Arbeit als blinder Fotograf publizierte, gibt es heute eine Reihe von blinden Fotografen, die ihre Bilder „bauen“ und inszenieren. So schwierig, ja absurd für den, der nur knipst, die besonderen Entstehungsbedingungen erscheinen mögen, im ästhetisch geglückten Fall können solche Bilder Einsichten vermitteln, die viel über das Medium Fotografie und die Lernprozesse, die mit dem Erkennen von Bildern verbunden sind, verraten. Der Prozess des Sehens wird von ihnen explizit und radikal als ein Prozess des Erkennens und Imaginierens vorgestellt und damit als eine geistige Leistung.

Fotografien von blinden Künstlern setzen auf die Kraft der eigenen Imagination, sie versuchen eine Verbindung zwischen der Welt der Blinden und derjenigen der Sehenden zu schaffen. Dass sie dafür die Fotografie als das auf den ersten Blick am stärksten der Visualität verpflichtete Bildmedium wählen, ist durchaus folgerichtig. Sie werden damit in gewisser Weise zu Kubisten der Fotografie, die uns ein Bildverständnis vor Augen führen, das von der körperlichen Erfahrung der Bewegung und der Akustik ausgeht. Die amerikanische Künstlerin Sonia Soberats zum Beispiel inszeniert mit bühnenartigen Requisiten, die an ihre große Liebe, die Oper erinnern, Porträts in Langzeitbelichtung. Farbkreisel oder Schlieren entstehen dadurch, dass Soberats den Körper der bewegungslos verharrenden Menschen, die sie aufnimmt, mit farbigen Lichtquellen umfährt. Etwas von dem zuckenden Schmerz, den das Erblinden bedeutet, scheint hier auf und wird zugleich überwunden. Wie der blinde Essayist Gerald Pirner auf seinem Blog mit eigenen Texten zur Kunst darlegt (www.geraldpirner.com) können wir das Übermass von Bildern, das „Zuviel an Bildern“, erahnen, die der nicht von Geburt an Blinde in sich trägt. Diese Bilder wären manchmal bedrängend und suchten nach Ausdruck, da es für den Erblindeten für immer an nachkommenden, visuell vermittelten Bildern fehlen wird, welche die anstürmenden, inneren Bilder von Außen „in Schranken weisen“.
Fotografie bietet eine Möglichkeit der Bändigung dieses Bildansturms. Pete Eckert hat das in Amanns Film „Shot in the Dark“ sehr poetisch und anschaulich formuliert, wenn er davon spricht, dass er Fotografien „unter der Tür hindurch aus der Welt der Blinden“ schiebe, „damit sie im Licht der Sehenden betrachtet werden.“ Gesteht man Blindheit also zu, eine besondere und gleichberechtigte Wahrnehmungsform zu sein , ergeben sich für Blinde wie Sehende neue Einsichten – gerade wenn Blinde selbst künstlerisch arbeiten und dazu die Fotografie als ihr Ausdrucksmedium wählen.

zuerst erschienen am 10.05.2017 in der NZZ

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