Anleihen an die Zukunft: Zahlenkolonnen und persönliches Orakel

43Entwurf und Umsetzung, Idee und Ausführung, Konzeption und Realisierung, Architekturzeichnung und Bau – wie auch immer man die beiden Seiten des künstlerischen Arbeitsprozesses bezeichnen mag – sie gehören zueinander und sind doch autonome Akte.
Oft lässt sich erst aus dem zeitlichen Abstand heraus bestimmen, wie sehr eine künstlerische Konzeption auch Aufschluss darüber geben kann, welche Grundideen für eine Zeit, eine Kultur charakteristisch sind.


In der Renaissance zum Beispiel gab es einen engen Zusammenhang zwischen der Bildkomposition in der Malerei und der Ausbildung von Kaufleuten in den Sekundarschulen, die am zügigen Rechnen und blitzschnellen Erfassen von geometrischen Formen in der Lebenswelt orientiert war.

Julie Monaco, cs_04/1_Exitus
Das 1 Bild von 11 Uni katen, 73 × 91 cm Öffnungsdatum: 5 April 2017

Wenn man im städteübergreifenden oberitalienischen Handelsverkehr den Umfang und das Gewicht von Waren einschätzen wollte, die in Säcken und Fässern, in Ballen oder Zisternen auf den Markt gebracht wurden (bei ganz unterschiedlichen Maßeinheiten in den jeweiligen Städten), war es nötig, sie auf berechenbare geometrische Körper zu reduzieren.

Man konnte zum Beispiel Kegel und Zylinder in ihnen erkennen und deren Volumina berechnen; die Rechenbücher mit Übungsaufgaben für Kaufleute jener Zeit sind voll von praktischen Übungsbeispielen. Der angelsächsische Kunsthistoriker Michael Baxandall erkennt hier eine formale Parallele zu Renaissancegemälden, etwa bei Piero della Francesca: Auf seinen Fresken spielen geometrische Formen wie Zelte (denen als Form Kegel und Zylinder zugrunde liegen) oder Säulen eine große Rolle. Auch die Zentralperspektive, die in der Renaissance erfunden wurde und jahrhundertelang die Darstellung von Raum bestimmte, operiert mit geometrischen Prämissen: mit Sehstrahlen, Fluchtlinien und der Idee einer Sehpyramide, bei der das Auge die Spitze, der anvisierte Gegenstand die Basis bildet. Solche geometrische Konzeptionen, die dem Renaissancemenschen, der die Welt neu zu ordnen beginnt, in seinem kühnen Unterfangen Halt gaben, sind den Bildern unterlegt, sie bestimmen ihren Entwurf. Ihre kunstvolle Ausführung, die in jahrelanger, akribischer Praxis in den Malerwerkstätten von den Schülern eines Meisters erlernt werden musste, ist ohne dieses mathematische Gerüst nicht zu denken. Kaum jemand beherrscht das heute noch, die Welt, zu der diese Bilder gehörten, existiert nicht mehr.

Zwei Seiten einer Münze
Julie Monaco hat zwar nicht wie Piero seinerzeit ein Rechenbuch für Kaufleute geschrieben, in dem er Anleitungen zum Vermessen eines Fasses gibt, oder eine Schrift verfasst, welche die Konstruktion zentralperspektivischer Bilder mathematisch darlegt. Aber sie unternimmt doch etwas in der Geste ein Stück weit Vergleichbares, wenn sie die Algorithmen und Rechenoperationen, die eine Grundlage ihrer Bilder bilden, preisgibt. Wir finden hier allerdings, auch wenn sie alles offenlegt, keine Anleitung wie in einem Rechenbuch. So wie wir heute die mathematischen Operationen in den Rechenbücher der Renaissance nicht mehr nachvollziehen können und auf unsere Phantasie angewiesen sind, um sie mit den Zisternen und Zelten in Verbindung zu bringen, deren Inhalt zu berechnen, sie ermöglichen sollen, so mag es einem vielleicht heute auch mit den Zahlendarstellungen von Monaco ergehen. Und das, obwohl uns kein zeitlicher, aber vielleicht doch ein kultureller Abstand, sofern wir keine IT-Spezialisten für gerenderte Bildgenerierung sind, von den offengelegten Codes trennen. Die den Bildern zugrunde gelegten Rechenoperationen, rhythmisch geordnet in Kolonnen, man ist versucht an Börsennotationen zu denken, sind ein reales Sinnbild unserer hochkomplexen, vernetzten Welt. Obwohl sie in ihren Grundlagen immer abstrakter geworden ist, leben wir in ihr weiter wie bisher als Menschen aus Fleisch und Blut mit unseren Imaginationen und Nöten, unseren Wünschen und Fantasien. Julie Monaco zeigt uns die eine Seite der Münze: die Zahl, beziehungsweise grafisch rythmisierte Zahlenkolonnen. Das vorenthaltene Bild auf der Rückseite der Münze muss zunächst Sache unserer Imaginationskraft bleiben.

Labyrinth und Lebenszeit
Was mag es also bedeuten, dass in den durchlaufenden Zahlenkolonnen bestimmte Häufungen auftreten? Bezeichnen sie Farbschattierungen, Formverläufe bei der Umsetzung dieser Werte ins generierte Bild? Müssen wir das sofort wissen oder nehmen wir es zum Anlass, uns unser eigenes Bild auszumalen, um je nach Stimmungslage beim wiederholten Betrachten ein wenig anders im Labyrinth der Ziffern und Leerstellen umherzuschweifen? Als Vorschul-Kinder barg uns die Welt der Zahlen und Buchstaben Versprechen: Sie enthielten Geschichten, auf die wir warten mussten, ebenso wie die Regenschlieren am Fenster, die Muster und Ornamente auf Stoffen, die wir mit den Augen verfolgten oder deren Verlauf wir sinnierend mit dem Finger nachfuhren. Und haben wir nicht alle mit großer Freude einmal Labyrinthe gezeichnet, die uns nach langen Wegen und Pendelausschlägen doch immer am Ende des Weges zur Mitte geleitet haben? Hat sich noch etwas von dieser Erwartung und Zuversicht in uns erhalten können? Steigert sich mit der in Aussicht gestellten „Mitte“ des Labyrinths, der Erfüllung, der Enthüllung des Geheimnisses nach drei, sechs, zwölf Jahren – mit unserer eigenen Lebenszeit – der materielle und immaterielle Wert des Bildes, das wir uns durch das aktive Warten erschlossen haben? Sind wir so nicht sogar ein Stück weit mit dem Bild gewachsen, in unser eigenes Leben hinein? Und mit der Erfüllung des Wunsches, dem Bild, das wir schließlich in Händen halten, haben wir damit nicht auch der Vergänglichkeit ein Stück Stabilität abgetrotzt, wohlerrungen sozusagen? Das ist das Faszinierende an dieser Anleihe auf die Zukunft, unserem persönlichen Orakel zu dem uns Julie Monaco mit ihrem Werk den Weg weist.

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