Dahingleitende Erinnerungsorte: Das Frankreich Elger Essers

Gespeist aus der versonnenen Welt der großen Romane, der Ansichtskarten und des Fernwehs (wie es vielleicht so in den nachfolgenden Generationen nicht mehr aufkommen wird) tritt uns Elger Essers zeitenthobenes Bild von Frankreich in großformatigen Prints (Diasec Face), Heliogravüren oder nachdunkelnden Kupferplatten in der Karlsruher Kunsthalle entgegen.

Im Blow up unscharf geworden wie der verschwommene Blick durch eine abgelegte Brille, welche die aktuellen Fehlsichtigkeit unserer Augen nicht mehr korrigieren kann, sondern auf einen vormaligen Zustand ausgerichtet ist, sehen wir im ersten Raum fünf überdimensionierte Postkarten von Meeresansichten, koloriert und mit Gebrauchsspuren ihrer einstigen Besitzer. Die großen Seestücke sind wie Tafelbilder im Atelier eines Malers auf Staffeleien aufgebracht. Solcherart irritierte und gewissermaßen ins Schwanken geraten hält sich der Blick des Betrachters allzu gern bildintern an einem am Horizont auftauchenden Schiff oder einem Wellenbrecher fest, während weiße Gischtwolken sich im Vordergrund vor ihm auftürmen.

Die Ausstellungsräume aus dem frühen 19. Jahrhundert mit schilfgrünen Wandkacheln und mit antiken Motiven bemaltem Fries im „Grünen Saal“, kräftigeren Farben im „Roten Saal“, mit den historischen Holz-Schaukästen der Grafiksammlung, in denen albumblättergroßen Heliogravüren und bedruckte Kupferplatten gezeigt werden, stimmen aufs Schönste in das Gefühl der Zeit-und Raumdiffusion ein: in gedehnte Momente des sanften Entgleitens und Dahintreibens, denen man sich beim Anblick dieser hochartifiziellen Bilder überlassen mag.

Wir sehen ein ländliches Frankreich vor uns und begegnen darin zugleich uns selbst. Es ist ein Staunen, als käme man unvermittelt an einem Ort zu stehen, mit dem wir aus der Gedankenwelt französischer Literatur oder aus impressionistischer Pleinair Malerei bereits wohlvertraut sind. Hinzu kommt das Vermächtnis historischer Fotografie – die vom französischen Denkmalschutz 1851 beauftragte „mission heliotropique“ hatte eine Bildwelt geschaffen, die sich ins kulturelle Gedächtnis eingeschrieben hat.

Aber doch gestaltet sich alles ein klein wenig anders, erscheint um ein Weniges verschoben, jetzt wo wir all das zum Greifen nah und mit den elaboriertesten digitalen und historischen Techniken neu erschaffen vor uns haben. Immerwährende Erinnerungsorte bilden Ansichten von den französischen Küsten, Stadtveduten, Waldgebiete und Brücken sowie vor sich hin dämmernde Kirchen auf dem Land, zu deren Restaurierung kein Geld aufgebracht wird. Aber auch Monets Garten in Giverny und besonders Prousts „Combray“ (ein imaginäres Provinznest aus der „Recherche“, das seine Leser in Erinnerung behalten als wäre es der Schauplatz eigener Kindheitserlebnisse) gesellen sich dazu. Solcherart im Imaginären angesiedelte Reminiszenzen bestimmen nachhaltig den Eindruck, den man in Deutschland vom Nachbarland hegt. Hieran knüpft Elger Esser an, wenn er einen Werkkomplex mit Aufnahmen quer durch die französischen Regionen von der Normandie bis zur Ardéche mit „Combray“ betitelt.

Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt auf seinen Bildern, für die Fotografie den Ausgangspunkt bildet, die Farbigkeit. Sie kann suggestiv und warm sein, wie auf den kolorierten Postkarten mit herannahenden Meereswogen und Schiffswracks, in einzelnen Partien giftig leuchtend wie auf den auf Kupferplatten gedruckten Aufnahmen. Nüchtern und wohltemperiert hingegen wirken die Grauwerte der „Undine“-Heliogravüren, die das metallisch glänzende Meer mit seinen Wellenformationen zeigen. Großformatige UltraChrome Prints von Nilfahrten aus dem Jahr 2011, einem anderen Werkkomplex, der rein thematisch aus der Schau, die neben Maritimen vor allem Bilder aus Frankreich enthält, herausfällt, erstrahlen in gleißend entrückter Helligkeit.

Elger Esser: Zeitigen. Staatliche Kunsthalle Karlsruhe bis 10.7.2016, Katalog Museumausgabe 39 €, gebundene Ausgabe Schirmer/Mosel

zuerst erschienen in: EIKON #94 2016 (International Magazine for Photography and Media Art)

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