World of Malls im Wandel

Fügen Shopping Malls dem sozialen Leben eine weitere Option hinzu oder ziehen sie unweigerlich die Zerstörung unserer Innenstädte nach sich? Gehören sie zur Stadt oder sind sie nur ein glitzerndes Trugbild ehemals vorhandener städtischer Öffentlichkeit? Eine Neuorientierung beginnt sich abzuzeichnen.

Der Bau einer neuen Shopping Mall im Stadtzentrum ruft spätestens nachdem das kommerziell erfolgreiche Centro im krisengebeutelten Oberhausen zu einer sichtbaren und kaum wieder gutzumachenden Verödung der Innenstadt geführt hat, besorgte Anwohner, aber auch Stadtentwickler auf den Plan. Dialog ist durchaus in europäischen Planungsverfahren vorgesehen: Das Spektrum reicht in Deutschland von der frühzeitigen Einbindung per Bürgerbeteiligung in Köln-Ehrenfeld, wo schließlich statt eines vom Investoren geplanten Einkaufszentrums eine Schule auf Vorschlag der Stadt gebaut werden soll, bis hin zur Bürgerbefragung im italienischen Bozen. Hier soll ein städtebaulich ins Hintertreffen geratenes Gelände am Bahnhof zugunsten eines Shopping Centers umgestaltet werden, ein bedeutender städtebaulicher Eingriff.

Inwieweit dürfen Investoren eigene Formen der eingehegten Teilöffentlichkeit schaffen, die das Leben in der Stadt nachhaltig verändern werden? Können aus der Geschichte der europäischen Stadt als Marktflecken und Handelsknotenpunkt das Recht und die Pflicht von Investoren abgeleitet werden, in der – oft klamm bei Kasse befindlichen ­– Stadt des 21. Jahrhunderts Stadträume mit eigener Hausordnung zu gestalten? Oder ist das nicht miteinander vergleichbar, ja ahistorisch gedacht, da es sich hier in der Regel heute um global agierende Konzerne und Investmentfonds handelt, die vollkommen anders wirtschaften als Bürger, Handwerker und Handeltreibende vergangener Zeiten?

In Bozen reichte niemand geringeres als Stararchitekt David Chipperfield für seinen Investor einen Entwurf ein, und wirbt auf youtube damit, dass urbanistische Gesichtspunkte eingebracht, ein Händchen für die Einbindung in das historisch gewachsene Bild der Stadt garantiert, Durchlässigkeit des gesamten Komplexes nach außen berücksichtigt, so wie manch andere Wohltat für eine Wiederbelebung des heruntergekommenen Bahnhofsviertels sorgen würden. Das geplante Center würde der Stadt etwas hinzufügen, statt ihr etwas wegzunehmen. Die Zeiten haben sich geändert: Der einst gesichtslose Schuppen, dessen Wunderwelt sich im abgeschlossenen, klimatisierten Inneren entfaltet, weicht, als weltweit anerkannte Architekten sich der Bauaufgabe annahmen, vereinzelt auch anspruchsvollen Bauwerken, die, wie zum Beispiel bei Norman Forsters Aldar Central Market in Abu Dhabi durchaus auf lokale Bautraditionen Rücksicht zu nehmen verstehen (allerdings musste hier ein traditioneller Souk dem Center weichen).

Re-Import aus den USA
Die Shopping Mall selbst ist eine Art Re-Import aus Nordamerika, ihre Wurzeln sind europäisch – auf amerikanische Siedlungsformen adaptiert. Der soziale Vater der Shopping Mall ist ein Wiener Architekt (Victor Gruen), der vor den Nazis in die USA emigriert war, für die Arbeiterzeitung schrieb und als politischer Kabarettist arbeitete, die amerikanische Stief-Mutter ist Besitzerin einer Überwachungkamera mit neurotischem Ordnungstick und Angst vor allem Unvorhergesehenen. Derart ließe sich für das klassische Shopping Center, das seit den 50er Jahren flächendeckend die suburbia Nordamerikas bedeckt, und für viele zum einzigen Treffpunkt geworden war, ein Satz Walter Benjamins paraphrasieren. Benjamin schrieb im „Passagen-Werk“, auf den Surrealismus bezogen: „Der Vater des Surrealismus ist Dada, die Mutter eine Passage.“

Prächtige Passagen, in deren Ausbau private Spekulanten investierten, sind Kinder des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, als die industrialisierte Warenproduktion zu expandieren begann. Sie verbanden bereits vorhandene Straßenzüge mit überdachten und beleuchteten Glas-und Eisenkonstruktionen und schufen so innerstädtische Durchgänge statt sich wie Malls introvertiert vor dem städtischen Leben zu verschließen. Den Malls hatten sie voraus, – bei Umbau oder Neukonzeption von Malls wird heute versucht an die Verbindung von Wohnen und Verkaufen anzuschließen – dass die Inhaber der Geschäfte im Obergeschoss des Ladens wohnten, auch wenn dies zu Zeiten der Gasbeleuchtung alles andere als ein gesundes Wohnen und Arbeiten war. Ihren Niedergang leitete der spätere Siegeszug der Warenhäuser ein, die in den Malls des 20. Jahrhunderts wiederum als Ankerpunkte zwischen den Fluren dienen, die wie in den echten Passagen von sorgsam zusammengestellten Einzelhandelsgeschäften gesäumt werden. Aufstieg und Niedergang der europäischen Passagen, folgten einem ähnlichen, wenn auch nicht ganz vergleichbaren Skript wie das der in die Jahre gekommene Malls der ersten Generation: Dem Luxusangebot und anspruchsvollerer Unterhaltung wie Theater und Ballsaal folgte in den dann (auch baulich immer weiter heruntergekommenen) Pariser Passagen der Abstieg zu Trödel, Bordell und Spielhalle.

Word of Malls – Architekturen des Konsums
Jeder Strukturwandel – für die Malls sind es Onlineshopping, veränderte Konsumgewohnheiten, demographischer Wandel und die schwindende Autofixiertheit der jüngeren Generation – birgt indes auch Chancen. So wie aus aufgegebenen Fabriken Kulturzentren und Lofts wurden, gibt es spannende Ansätze, genau zu diesem Zeitpunkt die Karten neu zu mischen und aus den „Monstren“ ästhetisch ansprechend, ein neu konzipiertes Wohn-Lebens-und Arbeitsumfeld erstehen zu lassen (so Jacob van Rijs, der Vandamne Nord in Paris umbaut). Wer seine Kenntnisse über die Gestaltung und Problematik von Konsumwelten im Kontext von architektonischen und städtebaulichen Fragestellungen anschaulich vertiefen und erläutert wissen möchte, kann dazu in die Pinakothek der Moderne nach München kommen. Vera Simone Bader (Architekturmuseum TU) hat eine vielseitig argumentierende Schau „World of shopping Malls, Architekturen des Konsums“ zusammengestellt. Sie ist die erste ihrer Art – ist doch das Thema, zwar aus der Sicht von Geografen, Soziologen und Marktforschern ausgiebig beleuchtet, indes architekturgeschichtlich vernachlässigt worden. Einen historischen Parcours durch die Ausstellung eröffnet ein Korridor, wie in einer Mall oder einer Passage beidseitig flankiert von „Schaufenstern“ mit Fotos, Zeichnungen und Videos zu je einem Shopping Center. Beginnend mit Victor Gruens aus heutiger Sicht geradezu minimalistisch ausgestattetem Southdale Center (USA, 1956 ) und der schon amerikanischer aussehenden Shopper’s World (1951) führt der Weg über die postmodern überdrehte, bonbonfarbene Horton Plaza in San Diego, passiert ein kühnes, nie zu Ende gebautes Projekte in Caracas, das in den 70er Jahren in München rasch gescheiterte Schwabylon, einen verarmten Kurort (Bad Münstereifel), der zur romantischen Kulisse von outlet Firmen wurde. Beispiele für auf Sport und Entertainment setzende Megamalls wie in Dubai, aber auch spektakuläre zeitgenössische Anlagen reihen sich neben eine Mall in Beirut (Aisthi Foundation), wo Luxusangebote mit Kunst verknüpft wurden – auch letzteres hat ältere Wurzeln, stellte doch das Warenhaus mit avantgardistischer Präsentation der Ware im 20. Jahrhundert oft eine erste Einführung in die Formensprache moderner Kunst dar. Und bereits Victor Gruen, der den sozialen Auftrag der Mall in den Vorstädten hochhielt und enttäuscht von der rein kommerziellen Ausrichtung und Gigantomie war, hatte Southdale mit Skulpturen von Harry Bertoia verschönert. Auch wenn die Situation mit Leihgaben sich für historische Malls eher ernüchternd gestaltet hat, da, der Entwurf von Shopping Centern offensichtlich von vielen Architekten nicht zu den Arbeitsgebieten gehörte, auf die man stolz war, so dass Modelle und Zeichnungen oft nicht aufbewahrt wurden, ist die Schau, vor allem wegen ihrer Zukunftsorientierung aufschlussreich: Dem historischen Schauteil mit erfolgreichen und gescheiterten Malls folgen Pläne und Video-Interviews mit Architekten und Stadtplanern zu neu konzipierten oder umgebauten Anlagen, die neue Perspektiven für die alten „Monster“ eruieren. Die Gespräche zu Bau und Entscheidungsfindungsprozessen, bei denen alle Beteiligten ausführlich zu Wort kommen, zeigen die Notwendigkeit der Neuorientierung und Partizipation: für unser Verständnis von Öffentlichkeit, unsere Vorstellungen von sozialem Leben und dem Schutz vor sozialer Ausgrenzung ist das Aushandeln von gegenläufigen Interessen in der Stadt existentiell. Stadt und Kommerz lassen sich nicht, wie so gerne behauptet wird, in gerader Linie voneinander ableiten oder gar als die beiden Seite einer Münze ausgeben. Stadt gestalten heute bedeutet in langfristigem Dialog immer wieder neu auszutarieren, wie die Bewohner in städtischer Gemeinschaft leben wollen, und mehr denn je wird es angesichts des demografischen und sozialen Wandels notwendig sein, auch ungewöhnlichen, ökologischen und sozialen Konzepten eine Chance einzuräumen.

World of Malls, Architekturen des Konsums. Pinakothek der Moderne, bis 16.10.16, Katalog 49,80€

zuerst erschienen am 05.08.2016 in der NZZ (internationale Ausgabe)

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.