So waldig schön!

Waldsaum, saumselig, Hain, Lichtung, Waldschlag, Wegrand, Forst, wogende Halme, Lichtflecke – man müsste sehr viele, halb vergessene Wörter ausgraben, um die nüchtern erwägende und doch hingebungsvolle Stimmung einzufangen, die Amin El Dib in seinem in himmelblauen Leinen gebundenen Buch „Under skies of Blue and grey“ festhält. Mit grauem Vorsatzblatt und haptisch aufgesetzten weißen Lettern auf dem Cover lässt das im Berliner Peperoni Verlag erschienene Buch gleich an den wolkendurchzogenen Himmel vieler Kindheitssommer denken. Amin El Dib erkundet den farbsatten Gegenpart, die von Wiesen und Waldgebieten durchzogene Kulturlandschaft seiner Umgebung, die unter dem Himmel liegt. Nur einmal erscheint der Himmel indes explizit wie eine – von Kondensstreifen durchwirkte – Kassettendecke auf einer Aufnahme. Den Auftakt setzt das Bild einer Wiese, das im Vordergrund eine verschattete Zone zeigt, die das Auge überklettern muss, um danach tief hinein in schier unendlich ausgedehntes, leicht hügeliges Grasland gelockt zu werden, einer gerade noch erkennbaren Linie folgend. Mit leicht geknickten Halmen erscheint sie wie der Strahl zu einem hoch angesetzten Fluchtpunkt, der im oberen Siebtel des Bildes plötzlich verschwindet. Die Farben ändern sich ein wenig, andere Gräserfomationen durchziehen als wogende Farbbänder den letzten Bildstreifen. Diese optische Feinarbeit ist charakteristisch für EL Dibs fotografischen Blick auf das Farbenspiel der Natur und die Kultivierung durch landwirtschaftliche Nutzung. Lang gestreckte, rechteckige Felder mit unterschiedlichem Bewuchs, der Verlauf von Feldwegen und Weidezäunen stellen der Kamera eine Geometrie der Flächen, ermöglichen eine eigne Art von fotografischer „Farbfeldmalerei“ mit satten, erdschweren, oft von Nässe getränkten Farben.

El Dibs Aufnahmen sind mit Ausnahme des Eingangssolitärs zu Bildpaaren geordnet, die Strukturelemente in der Vertikalen und Horizontalen wechselseitig aufzunehmen und fortzuführen scheinen. Manches ist frappierend in der Gegenüberstellung, wie der Rhythmus von Verdichtung und Auflösung: so, wenn sich linkerhand auf einer Aufnahme vom Blitz oder Sturm auseinandergebrochene Stämme, zerborstene Äste und versprengte Zweige wie Segmente von wirbelnden Propellerflügeln auftürmen. Während rechterhand mit der Säge zerteilte Baumstämme auf einer Lichtung ruhen, inmitten eines kleinen ovalen Schneefeldes, das von weiteren konzentrisch angeordneten Schneestreifen umgeben ist. Dazwischen wird Waldboden mit Steinen und verrotteten Blättern sichtbar. Oder eine Sommeraufnahme eines im üppigen Laubkleid stehenden Walnussbaumes auf einer Streuobstwiese ist einer Winteraufnahme mitten im dichten Wald gegenübergestellt, die Zweige senken sich unter der Last des Schnees. Die Bilder werden durch einen Ausblick etwas oberhalb der Bildmitte zusammengehalten, der die Korrespondenz herstellt: Eine lichte Stelle an der Baumkrone des Walnussbaumes gibt den Blick auf ein Stück hellen Himmels frei, drei tiefschwarze Stämme, setzen fast an der gleichen Stelle der anderen Buchseite einen Kontrast zum unberührt weißen Schnee.

Neben der Raumaufteilung, den Farbkompartimenten und den durch den Wind geschaffenen Zusammenballungen von herabgefallenen Blättern oder Schneeresten sind es die Eingriffe des Menschen, die man bei genauem Hinsehen verfolgen kann. Seine Hinterlassenschaften finden sich auf fast jedem Bild in Form von Stacheldraht, Hochsitzen zur Beobachtung des Wildes, Wirtschaftswegen und niedergetretenem Gras oder auch rot-weißen Absperrbändern.

Manches mag wie ein Sinnbild erscheinen, ist es aber nicht: So zwei Stacheldrahtzäune, die horizontal ein Bild strukturieren. Im unteren Bilddrittel treffen ein verrosteter und ein neu verzinkter Draht auf halbem Weg aufeinander, man mag an Fingerhakeln denken, während ein zweiter Strang, der im oberen Drittel das Weideland vom Wald trennt, zunächst wegen der kaum erkennbaren Farbdifferenz zum Hintergrund fast unsichtbar bleibt.

Amin El Dib: Under skies of blue and grey. Peperoni books Berlin, 64 S, 53 Abb. 40€

zuerst veröffentlicht in Photonews 9/15

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