Welt-Laboratorium: Neu erfundene Bilder von Julie Monaco

Auf den ersten Blick bewegen wir uns in zwei völlig voneinander getrennten Bereichen, je nachdem ob wir Bilder betrachten oder es mit Zahlen zu tun bekommen:

Schauen wir uns ein Bild an, geraten wir, sofern wir einen vertrauten Bildgegenstand zu erkennen glauben, wie zum Beispiel eine Landschaft oder eine Figur, in eine Welt, die noch ein Stück weit der unseren verhaftet zu sein scheint. Darüber hinaus aber werden wir mit unserer Erinnerung an bereits Gesehenes in imaginäre Erfahrungsbereiche hineingezogen. Dies geschieht auf dem Weg der Formensprache: der Komposition, den Farbabstufungen oder Grauwerten.

© Julie Monaco


Oder aber, wir dringen in das Reich der Zahlen ein, hier spannt sich ein mathematisch bestimmter Raum auf, in dem Axiome und Rechenoperationen definiert sind, in dem aber ebenso wie in der Kunst auch kühne Neuerungen der Anschauung möglich werden.

In der Werkfolge der Jahre 2013/14 CHEMICAL PLATES geht es Julie Monaco um Fragestellungen und Erkundungen, die nicht weniger grundlegend sind als ihre frühen zeichnerischen Konzeptionen mit Zahlenreihen. Die Besucher ihrer Ausstellungen werden mit einer Installation empfangen, die zwar exakt in ihr Werk einführt und doch jenseits des optisch Fassbaren operiert. Die Daten aller gezeigten Bilder werden als Animation auf eine halb-transparente Folie oder eine Wand projiziert. Ziffern und Buchstaben erscheinen und werden wenig später durch nachdrängende Ziffern- und Buchstabenfolgen ersetzt. Hier sieht man in nüchtern optimierter Schrift die Innenwelt des Rechners ins Licht der Außenwelt gekehrt: Dies wird allerdings nicht im optisch anspruchslosen binären Code erreicht, sondern im Hexadezimalsystem, das neben Ziffern auch einige Buchstaben verwendet – ein Arbeitsprozess, dessen Darstellung Stunden in Anspruch nimmt.

Wir sehen hier alles, was in den Ausstellungsräumen vor uns liegt, in exakter Darstellung. Das Werkstattgeheimnis wird vollkommen offengelegt, aber noch haben wir es nicht mit den Bildern selbst zu tun, sondern mit Prozessen, die sie ermöglichen.

© Julie Monaco


Monacos Bilder, die ausnahmslos am Rechner entstanden sind, dann aber ihren Weg hinaus in die Welt des Materiellen gehen, haben auf dieser Reise Transformationen erfahren. Sie operiert mit fraktalen Algorithmen, greift hier und dort in den Code ein, um zu ästhetisch überzeugenden Ergebnissen zu finden, arbeitet mit Renderingprozessen, auch Elemente der Handzeichnung finden Eingang. Das computergenerierte Bild wird geprintet, ein Repro und schließlich eine Fotografie auf Silbergelantinepapier oder farbige Chromogenicprints werden im Labor angefertigt. Hier, erst ganz am Schluss, beim materiellen Träger, haben wir es mit fotografischen Verfahren zu tun, jedoch ohne dass eine Kamera die Nabelschnur zu einem Geschehen in der Welt herstellt und festhält. Es ist ein Bild fotografiert worden, nicht ein Geschehen außerhalb des Bildes.

© Julie Monaco

Diese Bilder sehen wir als Landschaften von elementarer Schönheit, wir glauben Meer und Horizont zu unterscheiden, eine aufgehende Sonne, aufgewühlte See, Pflanzen. Manches erscheint kühl und unnahbar, als sei man an einer Grenze angekommen, über die man nicht hinaus gelangen kann. Das ist rein ästhetisches Empfinden, auch wenn es durchaus Parallelen zur Naturerfahrung haben mag, wenn man den Eindruck hat, die Intensität des Moments ließe sich nicht weiter steigern.

Diese Bilder haben indes keine außerhalb ihrer selbst existierenden Vorgaben.

Die Künstlerin operiert mit Eingriffen in chemische Prozesse bei der Bildmaterialisation und generiert – sozusagen im Inneren des Laboratoriums – erfundene Bilder aus den Bausteinen unserer digital durchdrungenen Welt: Ziffern, Buchstaben, Striche, Fraktale, die auf der Mikroebene den Bauschlüssel zu Pflanzen und Mineralien, Organischem und Anorganischem bilden. Rechnergeneriert werden so die Erscheinungen der realen oder fotografierten Welt nach- und neu erzählt. Dann aber gibt es einen ungeheureren Sprung, wie eine Reise von einer Welt in die anderen, ja wie eine Geburt: Die Bilder finden ihren Weg zurück in unser altes Leben, in die Reproanstalt und ins Fotolabor, an die Wände der Ausstellungsräume, auf die Seiten eines Buches.

Dass Monacos Bilder-Landschaften aufscheinen lassen, unterstreicht diesen Prozess. Mit der Stellung in der Landschaft oder zur Landschaft kann der Betrachter seiner selbst inne werden. Sind wir Teil der Landschaft oder beherrschen wir das vor uns Liegende? Die kupferfarbenen, manchmal erdigen, manchmal farbenprächtigen Landschaften, die wir uns vorstellen, wenn wir Monacos jüngste, rechnerbasierten Bilder vor uns haben (hier wurde bei der Vollendung der Bildproduktion im Labor der chemische Prozess durch Beimischung von Kupfersulfaten verändert), stellen diese Fragen nach Auflösung oder Beherrschung, Schönheit und Eingriff neu: heute vor dem Hintergrund der Bildgenerierung mittels Fraktale, numerischer Prozesse und chemischer Reaktionen.

zuerst erschienen in: Eikon. Internationales Magazin für Fotografie und Medienkunst. (87/2014)

Ich danke Julie Monaco für die Erlaubnis ihre Fotografie zu veröffentlichen.

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