Der Fotograf und sein Mythos. Abe Frajndlich porträtiert Fotografen im Kontext ihrer Fotos

Nicht jedem Fotografen ist es gegeben, über seine Fotografien zu sprechen, nicht jeder möchte das, aber fast immer versteht sich der Fotograf als Augenzeuge seines Werkes, der Situation, die er mit seiner Kamera fotografiert oder für die Aufnahme inszeniert. Abe Frajndlichs Bilder treten in diese Lücke: Sie sind nichts weniger als visuelle Erzählungen des fotografischen Werks von bedeutenden Fotografen des Zwanzigsten Jahrhunderts.
Er porträtiert seit 1975 seine Kollegen, davon ein Viertel Frauen, in Kontexten, die alle auf ein berühmtes Foto, ein Requisit, eine Stimmung oder eine Haltung des jeweiligen Fotografen anspielen. Manche dieser Aufnahmen kommentieren die Lebensgeschichte oder Rezeption eines Fotografen, andere zitieren ein einzelnes, in das fotografische Gedächtnis ihrer Zeit eingegangenes Foto. Ironisch oder plakativ, voll Bewunderung oder im Innersten berührt arbeiten Frajndlich Porträts am Mythos, den sich die Fotografen mit ihrem Lebenswerk geschaffen haben. Wir sehen Ilse Bing: Inzwischen schon tief in den Achtzigern stellt sie ihr Selbstporträt mit Kamera und Spiegel aus den Dreißiger Jahren nach. Die auffallenden Manschettenknöpfe, die sie damals trug, hat sie für die Fotosession mit Frajndlich gleich mitgebracht.

Inge Morath steht nach mehr als dreißig Jahren vor einer ihrer Fotografien aus den Fünfziger Jahren („Publisher Eveleigh Nash at Buckingham Palace Mall“), als hätte sie eine Zeitreise unternommen und sei zu ihren Protagonisten ins offene Coupée hinzu gestiegen. Andreas Feininger hält vor der Skyline New Yorks eine Stoppuhr wie eine Kamera vor sein Auge, die Geste erinnert an seinen „Photojournalist“, Thomas Struth betrachtet wie einer seiner oft recht farbenfroh gekleideten Museumsbesucher in „Museum Photographs“ ein abstraktes Gemälde von Pollock und kehrt dem Betrachter den Rücken zu, wohlweißlich auf einem Schwarz-Weiß Foto.

Barbara Klemm, deren Presseaufnahmen jetzt als autonome Werke im Museum ausgestellt werden, steht vor einem großformatigen Print in ihrer Frankfurter Ausstellung. Zwar haben die meisten, aber doch nicht alle mitgespielt: Henri Cartier-Bresson, der Fotografien von sich, wo es ging, zu verhindern versuchte, bedrohte Frajndlich, als sei sein Gegenüber ein unverschämter Paparrazi und er selbst ein entnervter Star mit einem Messer, es ist auf dem Schnappschuss von einer Vernissage noch verschwommen zu erahnen.

Candida Höfer, die mit ihren Aufnahmen von menschenleeren Bibliotheken den Durchbruch schaffte, sitzt denkbar hölzern vor einer raumfüllenden Regalwand. Ein berührender Grenzgang ist das Porträt der zu diesem Zeitpunkt schon ein wenig verwirrten Modefotografin Louise Dahl-Wolfe: Wir sehen die betagte, grimmig drein schauende Frau in verrutschten Strümpfen und Kleid mit Leopardenmuster mit ihrer Rolleiflex in ihrer Ankleidekamera, altertümliches Reisegepäck neben sich aufgeschichtet. Einige dieser Arbeiten waren Auftragsarbeiten für „Life“, andere finanzierte Kodak mit einem Stipendium.

Frajndlichs eigenes fotografisches Werk speist sich aus drei unterschiedlichen Quellen: zuerst der biografisch begründeten Dankbarkeit, die er dem Medium entgegenbringt. Sein Vater hatte die junge Familie gerne fotografiert, die Kamera, so schreibt Frajndlich (geb. 1946), verlieh der „unfassbaren Lebenskraft Ausdruck“, die das Paar in Nachkriegsdeutschland aufbrachte, beide waren als KZ Überlebende nur knapp dem Holocaust entkommen. Diese Fotografien hielten ihm die Erinnerung an die Eltern wach, die er schon als Kind verlor. Eine weitere Quelle ist die Fotografiebibliothek, die ihm zur Verfügung stand, als er in jungen Jahren Minor White assistierte, sie machte ihn mit der Fotografiegeschichte vertraut. Die dritte Quelle, so schreibt Henry Adams, sei das ästhetische Konzept seines Hauptauftraggebers Hans-Georg Pospischil („FAZ Magazin“) der ganz explizit verlangt habe, bei Porträts von Dichtern, Malern oder Musikern nicht den Menschen in seiner körperlichen und seelischen Bedingtheit zu fotografieren, sondern den Mythos, den er zu schaffen verstehe. Den Balanceakt auf dem schmalen Grat, den ein solches Ansinnen vom Glamourfoto trennt, hat Frajndlich durch Kontextualisierung und Unbekümmertheit gemeistert. Wie dies geschah, das schildern zum Teil seine erfrischenden Anekdoten, die er im Anhang des Buches über die jeweilige Entstehungsgeschichte schreibt und mit denen er sein Verhältnis zu den manchmal recht eigenwilligen Persönlichkeiten in den Blick nimmt.

Abe Frajndlich: Penelopes hungriger Blick. Portraits von Photographen. Mit Texten von Abe Frajndlich und einem Essay von Henry Adams. 188 Seiten, 102 Farb- und Douotonetafeln. Schirmer/Mosel 2012, 49,80 €
zuerst erschienen: Süddeutsche Zeitung 12.12.2011

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