Kühne Elementarlehren. Die digitalen (Gegen-) Welten der Fotografie.

22„Im Dämmern der Orte gibt es Türen zum Unendlichen, die schlecht schließen“, schreibt Louis Aragon in den 20er Jahren angesichts der zum Abriss bestimmten „Passage de l’Opéra“ in Paris und der dort zum Kauf feil gebotenen Gegenstände. Aragon hatte die im Verschwinden begriffenen Umschlagplätze von Waren und Träumen, die vor Ort zu findenden Plakate und Schilder noch selbst in Augenschein genommen und sie in „Le Paysan de Paris“ zum Ausgangspunkt seiner surrealen, literarischen Phantasien werden lassen.

In Werbung und Kunst unserer heutigen Konsumkultur sind es zunehmend digital modulierte Fotografien die den Zugang zu solch einer anderen Welt versprechen. Mit der Digital- oder einer traditionellen Kamera aufgenommen entstehen auf der Grundlage fotografischer Arbeiten digital geklärte, aseptische Gegenwelten und penibel konstruierte Modellräume. In ihrer Gleichförmigkeit übersteigen sie noch die Erfahrung alltäglicher Banalität. Der „Sinn für alles Gleichartige auf der Welt“, den Walter Benjamin seinen Zeitgenossen bescheinigt hat, findet hier in sich wiederholenden Formen und Pattern sein Betätigungsfeld. Mit digitaler „Hand“ geglättete Häuserfronten und Naturansichten zeigen eine Makellosigkeit, in der zwischen Perfektion und Langeweile nur ein kleiner Schritt liegt.

Grundgerüst der Anschauung
In Andreas Gurskys durchkomponierten Räumen oder in den radikal bearbeiteten, asketischen Fotografien von Josef Schulz („Sachliches“, Ettlingen 2001) kommt aber auch die geometrische Schönheit einer Welt zum Vorschein, aus der alles Überflüssige verbannt worden ist. Hier erstrahlen Formen, die einander in ausgewogenen Verhältnissen begegnen, wohlberechnnet korrespondieren die Farben. In Schulz‘ Fotografien von funktionalen Zweckbauten geht es um das Grundgerüst der Anschauung. Sie zeigen den Wunsch nach reinen Formen in der Moderne und treiben mit der Unterstützung des Computers auf die Spitze, was die Architekturfotografen des Neuen Bauens in den zwanziger Jahren mit Hilfe der Retusche zu erreichen versuchten. Von „Reinigung“ und „Entschlackung“ von allem Ballast ist heute wie damals die Rede. Nach den Maßgaben einer kühnen Elementarlehre formt sich eine aus allen zeitlichen und geographischen Bindungen entlassene Umgebung.

Sind diese Musterwelten, die sich unendlich zu perpetuieren scheinen, ein Resultat verfeinerter Abstraktionsprozesse, die im Banalen dem Elementaren auf der Spur zu kommen wünschen – auf der Suche nach klaren Formen? Michael Reisch versucht mit seinen Aufnahmen von digital modulierten afrikanischen Landschaften und europäischen Vorstadthäusern („Michael Reisch“, Ostfildern 2006) Ähnliches zu erreichen: individuelle Besonderheiten der Oberfläche sind eingeebnet, die Farben nivelliert. Eintönige Baukörper behalten ohne die Störung durch die Spuren menschlichen Wohnens ihre vom Architekten vorgesehenen Proportionen, die Landschaften schwingen kontinuierlich dahin. Autark und doch dem gemeinsamen Bildgedächtnis entnommen erscheinen solche Arbeiten.

Explizit mit dem Archiv kollektiver Bilder der Nachkriegsära beschäftigt sich Jörg Sasse („Skizzen – Der Grenoble Block“, München 2006), der auf einen Fundus von Amateurfotografie zurückgreift, während Thomas Ruff („Nudes“, München 2003) Stills von im Internet verfügbaren pornographischen Szenen digital verfremdet. Sasses „Grenoble Block“ hat die private Erinnerungskultur der Alltagsfotografie zum Gegenstand. Nichts Unvorhergesehenes passiert mehr, sowie der Amateurfotograf zur Stelle ist und Heim, Angetraute und die Urlaubsreise für die Nachfahren festhält. Die Spannung scheint vorweg aus den Ereignissen herausgenommen zu sein, alles kommt einem bekannt vor, noch ehe man es sich genauer angesehen hat. Das Wichtige, aber nicht das Wesentliche wird in den Blick genommen. Digital bearbeitet und der Ordnung der Serie unterworfen, kommt das vom Amateur angestrengt Arrangierte in Sasses Fassung jedoch bald ins Kippen: deutlich wird der Wunsch zum Ausbruch, der in diesen ‚Bilder-Zellen‘ keimt. Isolation, Vereinfachung, Serialität sind den Ahnherrn der „Düsseldorfer Schule“, Bernd und Hilla Becher, geschuldete Prinzipien. Die Generation der Schüler setzt sie jetzt mit Hilfe des Computers ein, um an der Schnittstelle von Dokumentation des Vorgefundenen und der auf ihr aufbauenden Simulation stringente Konstruktionen zu entwerfen.

Sinnestäuschende Erinnerung
Ganz von der Dokumentation wegbewegt, hat sich die Wiener Künstlerin Julie Monaco, die ihre Bilder von Wasser, Gebirge oder Wolken direkt am Computer ohne fotografische Vorlage generiert. Aber auch sie baut auf die Kraft der Erinnerung: „Eine tatsächliche Übereinstimmung mit der Realität liegt nicht vor, vielmehr präsentiert sich das Sujet als sinnestäuschende Erinnerung“, heißt es in einer Projektskizze.
Wem es allerdings zu kühl in diesem digitalen Zwischenreich zugeht, wer sich nach einem Ort sehnt, der geerdet, begehbar und doch vom Immateriellen durchflutet wird, der findet in den hochgestimmten Räumen des Installationskünstlers Fabrizio Plessi sein Gegenreich. Plessi, der sich explizit nicht als Videokünstler, sondern als Künstler versteht, der elektronische Medien genauso wie Eisen oder Mamor als Material einsetzt, konfrontiert das Hier und Jetzt der Erfahrung des Raumes mit Aufnahmen von „elektronischem Wasser“. Wuchtig sind die raumgreifenden Objekte, die neben dem dominierenden Eisen auch organisches Material, wie Wolle und Stoff zeigen. Zart nehmen sich demgegenüber die Monitoren und das immaterielle Wasser aus, das in der Imagination höchst reale Orte in Erinnerung zu rufen vermag.

zuerst erschienen: Neue Zürcher Zeitung 19./20. Januar 2008

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