Jean Claude Mouton: L’espace entre – territoires urbains


Für das Fotobuch „L’espace entre – territoires urbains“ (der Raum dazwischen – städtische Gebiete) von JeanClaude Mouton habe ich einen Begleittext geschrieben den ich im folgenden auszugsweise wiedergebe. Fotografien aus Berlin, Paris, Nanterre und Dunkerque sind in dem in der Edition Disadorno, Berlin veröffentlichten Fotobuch versammelt.

Im Fall von Berlin, mit seiner über vier Jahrzehnte hinweg politisch fest gefrorener Stadtgeschichte, ist Jean Claude Mouton angesichts des Stadtumbaus und der wieder freigelegten Erde nicht den üblichen Assoziationsketten zu ausgetrockneten Flussläufen, einstigen Wäldern oder prähistorischen Urmeeren nachgehangen, die sich bei solch imaginären Zeit-Spulungen zu längst vergangenen Epochen in der Regel einstellen. Weiterlesen

Aus Berlin: Neue Architekturfotografie

Berlin im 20. Jahrhundert, Kulminationspunkt deutscher wie europäischer Geschichte, stand nach der Wende im Fokus divergierender wirtschaftlicher Interessen und fluktuierenden Lebensformen. Aus der Mauerstadt, in der sich auch mit wenig Geld leben ließ, wird die immer teurer und schicker werdende Hauptstadt, die Bewohner müssen sich zwischen alter und neuer Stadtrealität zurecht finden. Den theatralisch gestimmten Auftakt des Fotobandes „Berlin Raum Radar“ setzt Andreas Mühe. Man sieht, als befände man sich mental in ungebrochen patriarchalischen Zeiten, die angestrahlten Rückenfiguren von festlich gekleidetem Herrn und blonder Dame, die vor einem transparenten Balkongeländer die Aussicht auf Fernsehturm und Kuppel genießen: „Heiner und seine Frau“, 2008 lautet die Bildunterschrift. Um was für einen Heiner mag es sich hier handeln, der hier so programmatisch und doch anonym am Anfang des Buches ins Bild gesetzt wird? Heiner Bastian liest man in einer anderen Bildunterschrift bei der Netzrecherche: Hier steht also der wegen seiner Sammlungs- und Leihpolitik umstrittene Kunstsammler mit Celine Bastian auf dem Dach seines Kunst-Hauses am Kupfergrabendamm und schaut auf die Museumsinsel hinüber?

Friederike von Rauch: Philharmonie 2

Solche Feinheiten werden uns im Buch zur gleichnamigen Ausstellung mit seinem ansonsten sehr schönen und überzeugenden Parcours von 34 FotografInnen leider vorenthalten oder als bekannt vorausgesetzt. Weiterlesen

Leipzig vor der Wende: Die Achtziger Jahre mit dem Blick eines Expats

Ein Selbstporträt des sorgfältig mit einem weißen Hemd bekleideten palästinensischen Fotografie-Studenten Dabdoub in einem Studentenwohnheim der DDR, der seiner Aufgaben gefasst in einen kleinen, gerahmten Spiegel entgegenschaut, eröffnet den Fotoband mit Schwarzweißaufnahmen über das Leipzig der Achziger Jahre. Flankiert von einem Grußwort seines damaligen Professors und einem Interview über die für Mahmoud Dabdoub sujektiv bis zur Wende als Jahre des Aufatmens und Getragenwerdens empfundene Zeit setzt der Hauptteil dann ein mit eindringlichen Aufnahmen vom dunstverhangenen Bahnhof. Weiterlesen

World of Malls im Wandel

Fügen Shopping Malls dem sozialen Leben eine weitere Option hinzu oder ziehen sie unweigerlich die Zerstörung unserer Innenstädte nach sich? Gehören sie zur Stadt oder sind sie nur ein glitzerndes Trugbild ehemals vorhandener städtischer Öffentlichkeit? Eine Neuorientierung beginnt sich abzuzeichnen.

Der Bau einer neuen Shopping Mall im Stadtzentrum ruft spätestens nachdem das kommerziell erfolgreiche Centro im krisengebeutelten Oberhausen zu einer sichtbaren und kaum wieder gutzumachenden Verödung der Innenstadt geführt hat, besorgte Anwohner, aber auch Stadtentwickler auf den Plan. Dialog ist durchaus in europäischen Planungsverfahren vorgesehen: Das Spektrum reicht in Deutschland von der frühzeitigen Einbindung per Bürgerbeteiligung in Köln-Ehrenfeld, wo schließlich statt eines vom Investoren geplanten Einkaufszentrums eine Schule auf Vorschlag der Stadt gebaut werden soll, bis hin zur Bürgerbefragung im italienischen Bozen. Hier soll ein städtebaulich ins Hintertreffen geratenes Gelände am Bahnhof zugunsten eines Shopping Centers umgestaltet werden, ein bedeutender städtebaulicher Eingriff. Weiterlesen

New Yorker MoMA: Die Geschichte der zeitgenössischen Fotografie

Bereits in den ersten Jahren seines Bestehens stellte das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) Fotografien aus. Mit dem 1940 eröffneten „Department of photography“ schrieb es mit wegweisenden Ausstellungen Fotogeschichte. In einem neuen Bildband widmet sich das Museum nun der großen Bandbreite zeitgenössischer Fotografie – nicht chronologisch, sondern nach Sektionen geordnet.

Die Geschichte der zeitgenössischen Fotografie anhand der großen Themen- und Einzel-Ausstellungen im New Yorker MoMA zu schreiben, ist ein Unterfangen, bei dem es auch darum geht, beherzt Schneisen durch die kaum mehr zu übersehende Vielfalt des Bildmaterials zu legen: Sieben unterschiedliche Kapitel werden in der im Schirmer/Mosel Verlag erschienenen Publikation dazu aufgeschlagen.Vom Dokument und seiner Revision, von der Dekonstruktion der Fotografie, aber auch ihrem Verhältnis zu Massenmedien, von experimentellen Gestaltungen, erzählerischen Konstrukten und nicht zuletzt vom Archiv ist in den einzelnen Essays und der beeindruckenden Bildauswahl die Rede. Oder wie es der erste Direktor des 1929 gegründeten MoMA, Alfred Barr, schon für die Rezeption der ständigen Sammlung, zu der er ausdrücklich auch Fotografie rechnete, formulierte: Sie gleiche „einem Torpedo, der durch die Zeit rast, seine Spitze ist die immer weiter voranschreitende Gegenwart, sein Heck die immer weiter entschwindende Vergangenheit“. Weiterlesen

Beiläufiges Wohnen, flüchtiges Passieren: Betrachtungen zur Peripherie


Wo endet die Stadt, und wo genau beginnt die Peripherie? Inzwischen tragen nicht mehr zum historischen Zentrum zählende oder zu bürgerlichen Quartieren mit älterer Bausubstanz gehörende Wohnbezirke viele Namen: Im deutschen Sprachraum ist die Rede vom Stadtrand, von Agglomeration, Siedlung, Zwischenstadt oder Vorort. Häufig sind diese Vorstädte oder in der Stadt sich ausbreitenden Bereiche, die beiläufig bewohnt werden  –  selbst wenn man eine lange Zeitspanne seines Lebens dort verbringen sollte   – ,  mit dem Vorzeichen des Austauschbaren und Banalen versehen. Schon nach einiger Zeit kann ihnen der Ruch des sozialen Abstiegs, oder gar der Ruf des sozialen Brennpunkts anhaften. Solche Gegenden sind indes durchaus ein Thema für Fotografen, ja sie werden gerade hier nicht nur als Zeitzeugen, sondern als visuelle Spezialisten für übersehene und schnell verbrauchte Stadtlandschaften benötigt. Bilder von einer durch und durch gewöhnlichen Umgebung zu schaffen ist keine leichte Aufgabe. Und so entsenden Lehrende die Studierenden ihrer Fotoklassen auch heute immer wieder einmal hinaus in die Peripherie ihres jeweiligen Hochschulstandortes oder ihrer Heimatstadt – so wie bereits die Bechers und vor ihnen schon Otto Steinert ihre Fotoschüler ins Ruhrgebiet schickten. Weiterlesen

Fotografinnen der Moderne

Die Namen sind sofort zur Hand: Claude Cahun, Marianne Breslauer, Ré Soupault, Florence Henri, Lee Miller. Sie und viele andere haben in den Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als Fotografinnen zunächst in Europa reüssiert, mit eigenwilligen und ungewöhnlichen Bildarrangements. Einige besonders überraschende Selbstbildnisse haben Eingang ins imaginäre Museum der Fotografiegeschichte gefunden. Dies ist der Fall beim Doppelbildnis der knabenhaften Claude Cahun im karierten Bademantel vor dem Spiegel oder Florence Henris ernst blickender Halbfigur: Die Fotografin sitzt mit mokant verschränkten Armen an einem überdimensioniert lang erscheinendem, weiß gestrichenen Holztisch. Statt eines Tischpartners lehnt ein Spiegel an der gegenüber liegenden Wand, zwei kleinen Kugeln sind dicht vor ihn gerollt. Weiterlesen

Der Fotograf und Zeichner Gerhard Vormwald ist tot (1948 – 2016) – ein Nachruf

Gerhard Vormwald: Hausbaustelle, 2012 - aus der Serie "Concrete illusions"

Gerhard Vormwald, mit dem ich mich so gerne über Ausstellungen und die Bilder, die wir unabhängig voneinander gesehen hatten, und über sein so vielfältiges zeichnerisches wie fotografisches Werk ausgetauscht habe, ist überraschend und unerwartet zuhause in Paris gestorben. Das ist für seine Frau und seinen Sohn ein unermesslicher Verlust, aber auch für alle, die sich zu seinen Freunden zählen durften.

Ich habe Gerhard Vormwald erst in seinen späten Jahren kennengelernt, dreimal in seiner Foto-Klasse in Düsseldorf einen Vortrag gehalten, ihn hier und da in Essays erwähnt und zwei Einführungen zu seinen Künstlerbüchern für ihn geschrieben, eine zu seinen Fotografien und eine zu seinen Zeichnungen, die ich gleichermaßen schätze und die für mich auch zusammengehören.

Mit Gerhard Vormwald bin ich einem unkonventionellen, warmherzigen, klugen und weltoffenen Menschen begegnet, der sich für Bilder begeistert hat, für lustige Basteleien, für die kleinen Absurditäten. Er unterhielt aber auch ein sehr genaues ja intimes Verhältnis zur Sprache, wog und vermaß das geschriebene Wort, als sei es ein Pinselstrich, der eine Zeichnung hebt oder verdirbt oder wie eine Inzenierung, die stimmt oder schal zu werden droht.

Gerhard und seine Frau Karin Vormwald unterhielten ein gastfreundliches Haus. Ich denke an die Zeit, die wir bei Besuchen und im Gespräch gemeinsam auf dem Land bei ihnen oder bei uns verbringen durften, wie an einen Stern, der so schnell nicht verglühen wird und bin dankbar ihn zu meinen Freunden gezählt haben zu dürfen. Wenn auch sehr traurig, dass er nicht mehr unter uns ist und nicht mehr sehen kann, wie morgens die Sonne aufgeht und den Auftakt zu einem neuen, produktiven Tag setzt.

http://www.gerhard-vormwald.de/

http://vormwald-books.de/

Wo endet die Stadt, wo genau beginnt die Peripherie?

Im Heft EIKON 93 (International Magazine for Photography and Media Art), erschienen in Februar 2016, stehen „Betrachtungen zur Peripherie“ im Fokus.

Wo endet die Stadt und wo genau beginnt die Peripherie? Inzwischen tragen nicht mehr zum historischen Zentrum zählende oder zu bürgerlichen Quartieren mit älterer Bausubstanz gehörende Wohnbezirke viele Namen: Im deutschsprachigen Sprachraum ist die Rede vom Stadtrand, von Agglomeration, Siedlung, Zwischenstadt oder Vorort. Häufig sind diese Vorstädte oder in der Stadt sich ausbreitenden Bereiche, die beiläufig bewohnt werden, selbst wenn man eine lange Zeitspanne seines Lebens dort verbringen sollte, mit dem Vorzeichen des Austauschbaren und Banalen versehen. Schon nach einiger Zeit kann ihnen das Verdikt des sozialen Abstiegs, oder gar der Ruf des sozialen Brennpunkts anhaften. Solche Gegenden sind indes durchaus ein Thema für Fotografen.

Der von mir kuratierte Beitrag stellt einige neuere Arbeiten von Fotografen vor, die sich damit auseinander setzen (Daniel Stemmrich, Jean Claude Mouton, Joachim Schumacher, Daniel Müller Jansen, Margherita Spiluttini, Robert Harding Pittman, Joachim Hildebrand und Gerhard Vormwald).

Die feinen Unterschiede

Der differenzierte Blick auf die Architektur der Ostmoderne im Fokus der Fotografie

(folgender Text basiert auf einem Vortrag, den ich am 05.12.2015 auf einer Tagung der Deutschen Fotografischen Akademie in Leipzig gehalten habe.)

Architektonische Relikte westlicher Schwerindustrie erfuhren in den letzten Jahrzehnten Aufmerksamkeit, Anerkennung und Pflege. Wie ein Blick auf den produktiven Umgang mit stillgelegten Zechen im Ruhrgebiet oder auch auf die Völklinger Hütte im Saarland zeigt, halten solch übrig gebliebene Anlagen, vor dem Verfall bewahrt und museumspädagogisch begleitet, auch die Erinnerung an untergegangene Produktionsformen wach: Die Lebensbedingungen im Maschinenzeitalter waren hart, aber die Arbeiten und Apparaturen selbst noch anschaulich und in ihren Abläufen im Großen und Ganzen zu begreifen. Funktionale, im neunzehnten Jahrhundert aber durchaus auch sehr repräsentative Industriebauten, zeigen eine eindrucksvolle Spannweite archtitektonischer Vielfalt, auch wenn man mit ihnen bei rauchenden Schloten nicht unbedingt ihre eigenwillige Schönheit und eindrucksvolle Wucht verband, sondern in erster Linie Schwerarbeit, Lärm und Schmutz. Weiterlesen